Wörgl holen braune Schatten ein

Der Wörgler Kulturausschuss reagiert auf die Diskussion über die nationalsozialistische Vergangenheit des einstigen Landeskapellmeisters und empfiehlt dem Gemeinderat, die Sepp-Tanzer-Straße umzubenennen.

Von Wolfgang Otter

Wörgl –Auf die Frage, wo die Sepp-Tanzer-Straße zu finden ist, erntet man in der Stadt Wörgl ein erstauntes Kopfschütteln. Selbst wenn man sich direkt in dieser befindet und Personen aus umliegenden Straßenzügen befragt. Kaum jemand weiß nämlich, dass eine der meistbefahrenen Straßen in der Stadt den Namen des einstigen Landeskapellmeisters trägt, dessen nationalsozialistische Vergangenheit dunkelbraune Schatten auf sein Leben wirft. Die Sepp-Tanzer-Straße führt von der Salzburger Straße, also der B 171, zur Tiefgarage und zum Parkhaus des M4 und wird daher von Zigtausenden Autofahrern täglich angesteuert und von nicht weniger Fußgängern passiert.

Ob der Vergangenheit des Musikers, die eigentlich schon seit Mitte der 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts bekannt sein sollte, hat man in der Wörgler Politik jedoch nun keine rechte Freude mehr mit der damaligen Namensgebung.

Bekanntlich führt die nationalsozialistische Vergangenheit des Musikers und Komponisten Sepp Tanzer zu breiten Diskussionen in Tirol. Der 1907 in Matrei geborene und 1983 in Kramsach verstorbene Tanzer war Gaumu­sikleiter während der Nazi-Zeit im Land und wurde nach 1945 sogar mit einem dreijährigen Berufsverbot belegt. Das dunkelbraune Gedankengut soll sich nach Ansicht von Musikwissenschaftern aber auch weiterhin in Tanzers Kompositionen widerspiegeln. Der Musikwissenschafter Christian Glanz sprach in einem TT-Interview von „Nazi-Codes“.

Trotzdem erhielt Tanzer 1964 den Berufstitel Professor, 1965 das Verdienstkreuz des Landes Tirol und im gleichen Jahr das Ehrenzeichen für Kunst und Kultur der Stadt Innsbruck. Viele Jahre war er Landeskapellmeister, 2008 wurde dann die Landesmusikschule Kramsach nach ihm benannt, was aber heuer von der Landesregierung wieder zurückgenommen wurde. Bereits vier Jahre zuvor hatte Wörgl Tanzer durch den nun umstrittenen Straßennamen geehrt. „Als 2004 die Straße benannt wurde, gab es im Ausschuss keine Diskussionen über die Person“, berichtet Kulturreferent Johannes Puchleitner. Nachdem ein naher Straßenzug nach dem Volksmusiker Gottlieb Weißbacher benannt wurde, schien die Weiterführung mit einem anderen Musikernamen logisch, will Puchleitner in Erfahrung gebracht haben.

Der VP-Politiker Puchleiter, zugleich Direktor der Landesmusikschule in Wörgl, hat das Thema dem Kulturausschuss vorgelegt, „nachdem auch die Landesregierung den Namen der Landesmusikschule in Kramsach abgeändert hat“, fügt er an. Und im Kulturausschuss wurde nach eingehender Debatte ganz klar der Beschluss gefasst, dem Gemeinderat zu empfehlen, den Namen zu streichen bzw. den Straße auf Gottlieb-Weißbacher-Straße abzuändern.

„Es wäre auch nur ein einziges Gebäude von der Namensänderung betroffen, nämlich das Parkhaus des M4“, erklärt Kulturreferent Johannes Puchleitner. Das Einkaufszentrum M4 selbst, dessen Haupteingang eigentlich in dieser Straße liegt, trägt die Adresse Salzburger Straße, wie die vorbeiführenden B 171 im Wörgler Stadtzentrum heißt. Nicht einmal ein Straßenschild müsste geändert werden, da sich kein einziges an der nur kurzen Straße findet. Für Puchleitner ist die Umbenennung dringend notwendig. Er hofft, dass der Gemeinderat dieser zustimmt.


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