Karrieretrainer auf der Bank

Coaches helfen ihren Klienten, sich beruflich weiterzuentwickeln. Was die Hirnforschung dazu sagt, darauf gab es eine Antwort bei einem Wirtschaftstrainerkongress in Hall.

Von Barbara Egger

Hall –„Das Gehirn ist ein Wunderwerk. Passen Sie darauf auf. Das gibt es nur einmal“, appelliert Josef Marksteiner regelmäßig an seine Patienten. „Das Gehirn ist enorm effizient im Umgang mit Energie. Man müsste mehrere Hallen mit Computern bauen, um die Leistung des Gehirns nur annähernd zu simulieren“, sagte der Primar der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie am Landeskrankenhaus Hall. Der Tiroler Psychiater und Präsident der Österreichischen Alzheimer-Gesellschaft referierte kürzlich beim 20. Kongress für Trainer und Coaches der Fachgruppe der Tiroler Unternehmensberater in Hall zum Thema Training und Gehirn.

Ein Thema, mit dem Trainer und Coaches in ihrem täglichen Beratungsprozess laufend konfrontiert sind. Sind sie es doch, die ihren Klienten helfen, Ziele zu erreichen, die richtige Entscheidung zu finden, die persönliche Entwicklungsprozesse begleiten, Teams voranbringen oder versuchen, Verhaltensmuster in Organisationen zu verändern. Dazu bedarf es nicht nur seitens der Trainer, sondern insbesondere ihrer Klienten den Willen zur Weiterentwicklung. Die moderne Gehirnforschung sieht aber das Potenzial der Weiterentwicklung nicht so rosig, wie mancher Coach und deren Klienten das wohl gerne hätten. „Mit den Nervenzellen, mit denen wir geboren werden, müssen wir auskommen. Sie vermehren sich nicht, so wie Leber- oder Hautzellen“, sagte Marksteiner.

Zudem nehme das Gehirn im Laufe des Lebens an Leistung ab. „Die Gehirnrinde wird dünner. Die Leistung wird bereits mit der Pubertät weniger.“ Wenn junge Menschen in das Berufsleben eintreten, sind sie aus Sicht der Hirnforschung durchschnittlich am Höhepunkt ihrer Hirnleistung (siehe Kasten). Bei älteren Berufstätigen manifestiere sich der Abbau der Gehirnleistung in einer „langsameren synaptischen Übertragung“. Mit anderen Worten: Die kognitiven Fähigkeiten verändern sich, vor allem bei Dingen, wo eine schnelle Reaktionsbereitschaft gefordert ist.

Keineswegs aber dürfe man das Altern des Gehirns verallgemeinern, meint der Tiroler Gehirnforscher. So würden ältere Menschen oft über höhere semantische Fähigkeiten als jüngere verfügen. „Mit 70 eine Sprache zu erlernen, ist durchaus möglich.“ Auch für den Umgang mit den Kollegen am Arbeitsplatz hat die Gehirnforschung eine erfreuliche Nachricht: Die Persönlichkeitszüge eines Menschen seien zwar dauerhaft und charakteristisch, können sich aber im Laufe des Lebens verändern. „Man wird verträglicher“, so Marksteiner. Erkenntnisse der modernen Gehirnforschung beschreiben weiters, dass die Offenheit für neue Erfahrungen ab 45 Jahren abnehmen kann, insbesondere wenn man nicht bewusst bereit ist, Neues aufzunehmen und Interesse zu zeigen. „Da muss man aufpassen und nicht davon ausgehen, dass man alles schon gesehen hat.“ Um das Alter um 60 herum nehme auch die Gewissenhaftigkeit ab. „Wer in Pension geht und sich außerhalb der Strukturen befindet, wird weniger verlässlich.“

Erfreulich scheint aus Sicht der Hirnforschung, dass sich durch entsprechendes Training das Gehirnvolumen vergrößern lässt. Beispielsweise wurden im Rahmen einer groß angelegten Studie in England die zwei Berufsgruppen der Taxi- und Busfahrer und deren Gehirnleistung einander gegenübergestellt. Während sich Taxifahrer 25.000 Straßen merken und diese auch finden mussten, befuhren die Busfahrer vorgegebene Routen. Die Studie hat ergeben, dass die Londoner Taxifahrer über vergleichsweise mehr Volumen im Hippocampus – eine Hirnstruktur, die für die räumliche Gedächtnisleistung notwendig ist – verfügen als ihre Busfahrer-Kollegen. Doch Marksteiner relativiert: „Die spezifisch bessere Gedächtnisleistung des Londoner Taxifahrers gilt speziell für die Orientierung in London und lässt sich nicht auf andere Städte übertragen. Auch die allgemeinen Gedächtnisleistungen in der Gruppe der Taxifahrer verbessern sich nicht.“


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