Fliegende Kühe und Kontrabässe

Die österreichische Porzellanmanufaktur Augarten hat sich schon immer auch dem Zeitgeist geöffnet und tut es nun wieder – mit einer kleinen Geschirrserie, die in Kooperation mit dem Festspielhaus in Erl entstanden ist und auf ein prägnantes Werbesujet von Erl zurückgreift.

Von Ursula Philadelphy

Grüne Kühe und Kontrabässe schwärmen asymmetrisch über den Poldibecher, tummeln sich auf der Leopoldtasse und verschönern einen Aschenbecher, einen Teelichthalter und einen Brotteller. Als Tiroler oder musikaffiner Mensch weiß man sofort – hier hat „Circus“ zugeschlagen. Das „Büro für Kommunikation und Gestaltung“ von Andreas Schett hat „von Anbeginn an das Erscheinungsbild der Festspiele Erl entwickelt, war immer hautnah am Geschehen beteiligt, denn Schett, Gründer und künstlerischer Leiter der Musikbanda Franui, war auch Vizeintendant in Erl und ist heute Stellvertreter und Konsulent von Intendant Gustav Kuhn.

„Kuh und Kontrabass, also Natur versus Kultur“ für das Logo zu verwenden, war für Schett von Anfang an klar, „weil man, wenn man aus dem Haus hinausgeht, die Kühe weiden sieht“. Und nachdem auf Kuhweiden auch immer ganze Schwärme von Fliegen unterwegs sind, ist es für Schett nur logisch, auch die anderen Attribute von Erl in Schwärmen zu formieren und „Schwärme von Kühen und Kontrabässen übers Porzellan drüberfliegen zu lassen“.

Warum nun aber überhaupt eine Geschirrserie für ein Festspielhaus? Auf diese Frage führen letztlich alle Wege direkt zu Hans Peter Haselsteiner, dem Präsidenten und Doyen der „Tiroler Festspiele Erl“. Nachdem man beim Neubau des sogenannten Winterhauses auch ein „Premierenhaus“ oben auf der Parkgarage errichtet hat, in dem die Gäste empfangen und die Premieren gefeiert werden, war es naheliegend, diese Räumlichkeit mit dem absolut passenden Geschirr auszustatten.

„Kuh contra Bass“ also, wie man sich bei Augarten freut, nachdem man wieder einmal ein Stück österreichische Tradition, „verfeinert mit der Erl’schen Prise Humor“, aus der Taufe gehoben hat. Gehalten im satten Grün von sommerlichen Wiesen, dem Corporate Design des sommerlichen Festspielprogrammes entsprechend. Im Winter wird das Erscheinungsbild ja in silbrigem Graublau gehalten und für das Gastspiel der Münchner Philharmoniker ab kommenden Sonntag in Erl sind Kühe und Kontrabässe grün und graublau – der Jahreszeit entsprechend. Formal ist die Kleinserie nach hausinternen Entwürfen gefertigt worden, Poldi und Leopold beziehen sich auf Leopold I., der maßgeblich für das Entstehen des Augartenparks verantwortlich war.

Seit 1923 ist die Wiener Porzellanmanufaktur im ehemaligen kaiserlichen Lustgebäude im Augarten untergebracht und hat, nach einer umfassenden Renovierung, seit zwei Jahren auch ein eigenes Porzellanmuseum, dessen Mittelpunkt ein originaler, riesiger Brennofen ist. Das Museum illustriert sehr schön die Geschichte des Wiener Porzellans anhand repräsentativer Beispiele aus all seinen künstlerischen Phasen. Die erste Manufaktur in Wien wurde bereits 1718, als zweitälteste Manufaktur in Europa, von Claudius Innocentius du Pasquier gegründet und ging 1744 in kaiserlichen Besitz über. Rokoko, Klassizismus, Biedermeier – Augarten konnte immer schön mit wunderbaren Objekten brillieren. Josef Hoffmann, Hertha Bucher, Ena Rottenberg, Walter Bosse oder Franz Zülow waren die herausragenden Künstler der 1920er- und 1930er-Jahre, Ursula Klasmann stand für die 1950er-Jahre. Das Wien um 1970 findet sich bei Augarten mit Entwürfen von Wolfgang Hutter bis Arik Brauer und Künstler wie Kurt Spurey, Gregor Schmoll, Gundi Dietz, Philipp Bruni, Thomas Feichtner oder das Designerduo „Wendy & Jim“ markieren das 21. Jahrhundert. Letztere etwa mit dem Parfumflakon „Vulpini“, einem ziemlich morbiden Skelett eines Fuchskopfes, wahlweise in reinem Weiß oder aber mit dem alten Dekor „Wiener Rose“.

Augarten ist also definitiv nicht mehr nur etwas für soignierte Herrschaften, hier fliegen Kühe mit Kontrabässen und spucken Fuchsköpfe Parfum.


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