Mobys Suche nach dem Menschsein: „Wir sind haarlose, verwirrte Affen“

Am 27. September erscheint Mobys elftes Studioalbum „Innocents“.

Wien – Im Kern geht es für ihn nur um die Musik: Vor mehr als 20 Jahren veröffentlichte Richard Melville Hall, besser bekannt als Moby, sein erstes Album. Seit damals hat sich viel getan beim gebürtigen New Yorker, der die Stile im Laufe seiner Karriere nach Belieben wechselte und spätestens mit seiner entschleunigten und melodiösen Elektroarbeit „Play“ (1999) Weltruhm erlangte. „Als ich sehr jung war, habe ich mein Leben der Musik verschrieben“, erklärt Moby seine Motivation nach all dieser Zeit. „Mein Zugang war immer, einfach weiter zu arbeiten.“ Und dem ist er treu geblieben: Am 27. September erscheint sein elftes Studioalbum „Innocents“.

Die Erwartungen schraubt er davor gehörig zurück. „Wenn ich ein neues Album mache, erwarte ich eigentlich nicht, dass viele Leute sich das anhören werden“, betreibt Moby im Gespräch mit der APA Understatement. Wichtiger sei ihm der Entstehungsprozess selbst. „Ich liebe es einfach, neue Musik zu machen.“ Das führe mitunter soweit, dass auch die Freizeit leiden muss. „Ich war gerade erst im Urlaub, aber ich habe den ganzen Tag nur an meinen Songs gearbeitet. Also dachte ich mir: Warum bin ich im Urlaub, wenn ich meinen Job so genieße?“

„Ich möchte nicht klingen wie ein alter Hippie“

Für „Innocents“ hat sich der 48-Jährige trotz aller Genussfreuden einem sehr umfassenden Thema angenommen. „Ich möchte ja nicht klingen wie ein alter Hippie. Aber ich habe viel Zeit damit verbracht, darüber nachzudenken, was es heißt, ein Mensch zu sein. Und wie menschliches Befinden und menschliche Erfahrungen aussehen.“ Er glaubt, dass unser Dasein zu sehr von einem „Durcheinander“ bestimmt wird. „Wir fürchten uns, werden alt, sehen Menschen um uns herum älter werden und sterben.“ Und dann sei da ja noch das schwer zu fassende Universum. „Also sind wir diese verängstigten, haarlosen, von unserer Existenz verwirrten Affen.“ Sehr wohl begreifen könnten wir aber die emotionale Seite: „Glück, Trauer, Ängste, all diese Dinge. Und darum geht es nun: Das einfache, sanfte, emotionale Leben, das die meisten Menschen führen.“

Sanft und reduziert

Auch musikalisch schlägt sich das in den neuen Stücken nieder, die großteils sehr anschmiegsam und reduziert daherkommen: Sei es die erste, ungemein eingängige Single „A Case Of Shame“, das für Moby typische, weil unaufgeregt mäandernde „Saints“ oder die melancholische Ballade „The Lonely Night“ mit Reibeisenstimme Mark Lanegan. „Ich wollte ein warmes Album machen“, betont Moby. „Gemeinsam mit Mark Stent (Produzent, Anm.) habe ich einfach viel altes Equipment verwendet, von Aufnahmegeräten bis zu Drummachines. Das gibt den Songs beinahe eine kaputte, ausgemergelte Qualität.“ Und doch: Sein Gespür für die lupenreine Popmelodie hat er auch diesmal nicht verloren.

Bleibt die Frage, ob er an die Unschuld der Menschheit glaubt. Worauf der Veganer, der sich für Tierrechte einsetzt, zu einem eindeutigen Schluss kommt: „Jedes menschliche Wesen ist unschuldig. Einfach, weil keiner von uns weiß, was eigentlich vor sich geht.“ Unwissenheit also als Entschuldigung? „Ob jemand ein Diktator, ein verrückter Politiker, ein Rapper oder ein großer Sportstar ist - jeder ist, per definitionem, verwirrt und unsicher. Einfach weil man Mensch ist.“

Unsicher ist derzeit auch, wann die Fans Moby wieder beim Konzertgenuss von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen. Eine große Welttournee ist dieses Mal nämlich nicht geplant, stattdessen wurde Moby für eine „Tour“ kritisiert, die aus drei Auftritten in Los Angeles Anfang Oktober besteht. „Das ist alles“, lacht er. „Drei Shows in einem Theater, zu dem ich zu Fuß gehen kann. Ich will meine Zeit einfach lieber kreativ nutzen, anstatt sie bei langen Tourneen auf Flughäfen oder dergleichen zu verschwenden. Ich toure ja bereits seit 23 Jahren, ich glaube, es ist okay, wenn ich diese Sache einmal anders angehe.“ Ganz ausschließen will er eine längere Tour in Zukunft aber nicht. Und für die Zwischenzeit gibt es die L.A.-Konzerte als Gratisstream im Internet zu erleben. (APA)


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