Schritt für Schritt durch eine gewaltige Eislandschaft

Zwei anstrengende Tage liegen hinter unserem Expeditionsteam - vorbei an riesigen Eisblöcken und tiefen schwarzen Löchern.

Aus Nepal: Hannes Gröbner (Expeditionsleiter)

Dienstag, 19.09.

Früh morgens starten wir im Basislager. Markus, Georg und Sepp, wollen unser Lager 2 auf zirka 6.600 Meter erreichen und einrichten. Ich selbst will aufgrund meiner persönlichen Akklimatisierung und um Kräfte zu sparen nur in das Lager 1 auf 5620 Meter aufsteigen.

Das Gehen und vor allem das Atmen in dieser „moderaten“ Höhe geht für mich sehr gut und ich komme sehr gut voran.

Ich steige über die Gletschermoräne, über Felsen und weiter über die flache Gletscherzunge bis zu unserem Schidepot. Der Gletscher ist in diesem Bereich komplett schneefrei - blankes Eis. Wir sind ohne Steigeisen unterwegs (sind schon im Lager 1).

Alle anderen Bergsteiger bewegen sich ab dem Basecamp entlang der Fixseile mit schweren Expeditionsschuhen und mit Steigeisen. Das kostet Zeit und Anstrengung.

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Im Schidepot spannen wir die Felle auf unsere Ski und bewegen uns über die Gletscherzunge weiter aufwärts. Die Gletscherspalten sind beeindruckend groß! Tief und schwarz gähnt der Abgrund der riesigen Löcher.

Nach 2h 45min und 700 Höhenmetern ist das Lager 1 erreicht. Durch die relativ dünne Luft sind unsere Bewegungen etwas verlangsamt. Wie von selbst versuchen wir uns so kraftsparend wie möglich zu bewegen.

Zusammen mit dem Material der letzten 2 Tage habe ich bereits rund 20 Kilogramm ins Lager 1 getragen (die gesamte Eisausrüstung mit Steigeisen, Pickel, Klettergurt und die Schlafausrüstung mit dickem Schlafsack und 2 Schlafmatten, Essensvorräte für mehrere Tage, Kleidung und 2 Hochlagerkocher mit Gasvorräten für mehrere Tage).

Ich entlade meinen Rucksack und steige noch weitere 200 Höhenmeter auf, um mir für morgen den Einstieg in den Eisbruch näher anzuschauen und um mir zum Akklimatisieren Zusatzhöhe vor der ersten Nacht im Lager 1 zu verschaffen.

Ich nähere mich einer gewaltigen Eislandschaft mit großen Eisblöcken, Spalten und Eistunnels. Knapp unterhalb des Einstieges in den Eisbruch beende ich meinen heutigen Aufstieg und bleibe noch einige Zeit hier oben. Ich genieße die herrliche Aussicht. Ein unbeschreibliches Panorama. Verschneite und vergletscherte Berge weit bis nach Tibet hinein. Wunderschön! In solchen Momenten weiß man genau, warum man die Strapazen der letzten Tage auf sich genommen hat.

Gegen 15 Uhr mache ich meine ersten Schwünge in Richtung Lager 1. Herrlich! Toller Schnee, 10 cm feine Schneeauflage, zischende Firn-Schwünge auf über 5.600 Meter Höhe.

Immer nur ein paar Schwünge hintereinander. Der Atem geht rasend schnell. Dann gilt es wieder Luft schnappen. Das Schifahren auf dieser Höhe ist eine ganz andere Herausforderung an Kraft und Lunge. Trotzdem bleiben bei diesen Bedingungen die Ski das angenehmste weil auch schnellste Fortbewegungsmittel. Diese Schnelligkeit einerseits im Aufstieg und durch die Abfahrt geben zusätzliche Sicherheit am Berg. Wer sich hier schnell fortbewegen kann, hat viele Vorteile. Es reduziert sich einerseits die Aufenthaltsdauer in größerer Höhe und man hat immer eine sehr schnelle Rückzugsoption im Falle von Wettereinbrüchen oder sonstigen Extremsituationen.

Wieder angekommen im Lager 1 sehe ich Kameramann Hannes Künkel ankommen. Er baut ein drittes Zelt auf. Den Zeltplatz frei zu schaufeln und zu ebnen ist Schwerstarbeit in dieser Höhe. Etwas später kommen Markus, Georg und Sepp aus Lager 2.

Markus hat heute schon den Lagerplatz 2 auf zirka 6610 Meter erreicht. Er ist durch 300 Höhenmeter Eisbruch und dann noch weitere 500 Höhenmeter aufgestiegen.

Georg und Sepp haben es ebenfalls durch den Eisbruch geschafft, sind dann allerdings wieder retour ins Lager 1.

Wir verbringen einen gemütlichen Abend im Lager 1 - so gemütlich wie ein Hochlagerabend eben sein kann. Schneeschmelzen und Wasser kochen, Zelt für die Nacht einrichten und Abendessen kochen. Alles geht langsam, muss langsam gehen, alles kostet Kraft. Gegen 1800 sind wir dann alle im Schlafsack. Eine lange Nacht steht uns bevor.

Mir geht es erstaunlich gut, kein Kopfweh, der Atem geht kontinuierlich. An Schlafen ist kaum zu denken. Gefühlsmäßig schlafe ich von den vielen Stunden, die wir im Zelt liegen, nur 2-3 Stunden. Dies ist normal für eine erste Nacht in dieser Höhe.

Mittwoch, 20.09.

Nach einer sehr langen Nacht stehen wir um 06 Uhr auf. Der Tag beginnt mit Schneeschmelzen und Wasser kochen. Die gesamten Wasservorräte müssen aufgefüllt werden. Während der Nacht haben wir alles ausgetrunken. So rasch es geht machen wir uns Abmarsch bereit.

Markus startet als Erster, ich ein paar Minuten nach ihm. Georg und Sepp folgen auch bald. Bis zum Eisbruch haben Georg und Sepp mich bereits eingeholt. Wir schnallen unsere Ski auf den Rucksack und arbeiten uns zu dritt durch die Spalten und Steilstufen aus Eis.

Der Eisbruch ist ein gewaltiges, steiles Labyrinth aus Spalten, Rampen und Löchern. Die Passage ist nicht ungefährlich, da viele Eisbrocken schon bruchbereit herabhängen. Man sieht einige große Eisbrocken, die laut Georg und Sepp am Vortag noch nicht in der Aufstiegsroute lagen. Das heißt diese Brocken sind in den letzten Stunden herabgebrochen. Nicht ungefährlich, aber in einer bestimmten Art und Weise auch sehr schön zu erleben. Den Fixseilen folgend, welche für die verschiedenen kommerziellen Gruppen gespannt wurden, finden wir leicht den wohl schnellsten Weg durch den Eisbruch. In den Jahren mit mehr Schnee ist dieser Eisbruch keine größere Schwierigkeit. Dieses Jahr ist er eher eine der schwierigeren Stellen auf diesem Berg.

Das Gehen fällt mir heute etwas schwerer. Mit dem schweren Rucksack und den Ski oben drauf komme ich nur mühsam voran. Mein Atem geht sehr schnell. Um gefährlichere Passagen zu bewältigen, ist es notwendig, sich in diesen Bereichen schneller zu bewegen, als eigentlich ökonomisch ist. Das macht uns in kurzen Abständen immer wieder fix und fertig. Nach 1 bis 2 Minuten atmen beruhigt sich der Puls dann wieder und es kann weiter gehen. Man spürt deutlich die Höhe, an die wir noch nicht akklimatisiert sind. Das sollte in den kommenden Tagen besser und auch leichter werden.

Auf rund 6200 Meter endet dann der Eisbruch und wir können unsere Ski endlich wieder vom Rücken auf die Füße schnallen. Georg startet voraus. Sepp ist nach dem gestrigen sehr anstrengenden Tag fertig und beschließt noch etwas länger zu rasten.

Ich selbst will heute noch hinauf in das Lager 2. So gemütlich als möglich bewege ich mich langsam Schritt für Schritt weiter. Nun wird es richtig anstrengend. Ich komme nur sehr mühsam voran. Ich quäle mich der Spur von Markus und Georg folgend den Berg hinauf.

Auf 6400 Meter erreiche ich die ersten Zelte - das reguläre Lager 2. Wir haben unsere Zelte etwas höher, in unseren Augen damit auch vor Lawinen sicherer, aufgebaut.

Noch eine weitere Stunde geht es Schritt für Schritt. Alle paar Minuten benötige ich eine kurze Verschnaufpause. Schließlich sehe ich oberhalb von mir Markus zu mir herunter winken. Geschafft! Endlich angekommen.

Lager 2, das Markus für uns schon am Vortag eingerichtet hat, liegt spektakulär in einer einzigartigen Szenerie aus Schnee und Eis „im Schatten“ eines riesigen Eisblocks. Oberhalb von uns die steilen Schneeflanken des Manaslu Nord.

Ich deponiere meine Last in einem der 2 Zelte und gönne mir noch gut eine Stunde Rast, bevor wir zum schlafen wieder abfahren und durch den Eisbruch ins Lager 1 absteigen.

Fast 500 Höhenmeter herrliches Schifahren und guter Schnee bis zum oberen Ende des Eisbruches. Hier ein spezielles „Danke“ für die sehr guten Ski, die von Fischer für diese Expedition zur Verfügung gestellt wurden.

Am oberen Ende des Eisbruches schnallen wir die Ski ab und die Steigeisen an. Wir arbeiten uns so rasch und sicher es geht durch Eiskanäle und über Gletscherspalten (teils mit Leitern) hinunter, bis wir erneut Skigelände erreichen. Es folgen weitere 300 Höhenmeter Abfahrt bis ins Lager 1.

Ich bin fix und fertig. Eine schlechte Nacht, gefolgt vom heutigen sehr anstrengenden Aufstieg bis auf 6600 Meter. Der Abstieg war lange und auch sehr Kräfte raubend. Ich lege mich in den Schlafsack und mache einfach die Augen zu. Schlafen.

Es folgt eine weitere lange Nacht. Um 06 Uhr beschließe ich, mich auf den Rückweg ins Basislager zu machen. Die anderen bleiben noch in den Schlafsäcken liegen. Um 9 Uhr bin ich zurück im Basislager. Ich freue mich auf etwas Körperpflege und ein gutes Frühstück von unserem Koch Narayan.

Im Laufe des Tages kommen alle wieder gut im Basislager an. Jetzt, gewaschen und gekämmt, schmieden wir eifrig Pläne für die nächsten Tage. Für mich ist morgen ein Rasttag notwendig. Was danach kommt, ist stark von den Wetterprognosen abhängig. Wir werden sehen. Wir sind motiviert.

Bis bald, Hannes


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