Liebe in Zeiten des Krieges

Unversöhnlicher Hass, Chaos und die Sehnsucht nach Frieden: Giuseppe Verdis „La forza del destino“ zur Saisoneröffnung am Tiroler Landestheater.

Von Ursula Strohal

Innsbruck –Das Leben erlaubt sich Ironie. Als Samstag Nacht, eine Woche vor den Nationalratswahlen, Tirols politische Couleurs mit Landeshauptmann Günther Platter an der Spitze das Tiroler Landestheater beehrten, ging es um „Die Macht des Schicksals“. Allerdings lässt der deutsche Regisseur Kay Kuntze keinen Zweifel daran, dass es, wie er im Programmheft sagt, nicht die Macht des Schicksals, also das Unbeeinflussbare, Unumstößliche sei, das die Hauptfiguren (bei Verdi: die Menschen allgemein) treibe, „sondern eher die Macht des Faktischen. Wenn man bestimmte Voraussetzungen schafft, können diese dann auch Konsequenzen haben.“

Kuntze glaubt damit auch an die Macht der Erziehung und bebildert die Ouvertüre. Zeigt den Marchese von Calatrava in Uniform mit den noch jungen Kindern, denen er, rosa und hellblau, Spielzeugpanzer schenkt. Leonora darf ihm um den Hals fliegen, Carlo nur salutieren. Kein liebloser Vater, doch gefangen in militärischer Härte und standesgebundener Konvention. Dann sitzt er im Rollstuhl und Leonora vermag nicht mit Alvaro durchzubrennen. Ein versehentlicher Schuss tötet den Vater, das Liebespaar flieht, wird aber getrennt, Carlo wird die beiden verfolgen, bis er Jahre später durch Alvaros Hand fällt, gerade noch fähig, die Schwester zu erstechen.

Chaos in diesem Stück, in dem der Krieg Hauptdarsteller ist. Viele Schauplätze, große Zeitsprünge, die Dreiecksgeschichte zerrissen und unglaubwürdig, riesige Soldaten-Tableaus. Der Regie gelingt die Kriegsthematik am besten, Schrecken geht davon aus, es funktioniert die Darstellung der Sinnlosigkeit mit ihrer Anbindung an unsere Aktualität. Das Karussell des Wahnsinns zeigt Soldatenschenke und Lazarett, Propaganda, Lagerhuren und Geschäftetreiberei mit Alkohol und Drogen, Schwerstversehrte, denen Orden umgehängt werden. Armenausspeisung, Friedenssehnsucht, die auf Schillers „Wallenstein“ zurückgehende Predigt sowie die dankenswerterweise nicht gestrichene kurze Rekrutenszene („Mit roher Gewalt wurden wir gezwungen, unsere Mütter weinend zurückzulassen“) stellen das Gleichgewicht her. Starke Szenen mit einem hervorragenden Chor (Einstudierung Michel Roberge) und viel Statisterie, gestört nur durch die Ungeschicklichkeit der vier Lara-Croft-Verschnitte.

Die Liebesgeschichte verläuft in Martin Fischers um Einheitlichkeit vieler unwirtlicher Orte bemühtem Bühnenbild weniger gut, die Darsteller haben ihren Anteil daran. Grundkonzeption blitzt auf, wenn der Marchese durch die eigene Waffe stirbt, Leonoras vorgebliche Ruhe gelogen ist und Carlo einen Augenblick der Umkehr erfährt. Aber die Geschwister – mit Hang zur Halluzination – bleiben geprägt und getrieben, der Vater ist allgegenwärtig – zu allgegenwärtig. Kuntzes Wiederholungen nützen sich ab. Einen starken Akzent setzt der Regisseur zu den Schlusstakten vor dem Hintergrund von Verdis Antiklerikalismus: Pater Guardian ersticht sich.

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Dass Leonora vor dem Klostereintritt – dilettantisch gestaltet die Kirchenfront – noch immer soldatesk herumhampelt, aggressiv gegen den Guardian, ist unverständlich. Im Übrigen ist sie als Frau samt Frisur scheußlich ausgestattet.

Jennifer Maines, die Premieren-Leonora, hat keinen Verdi dienlichen Sopran, ist scharf, ohne Klangsättigung und häufig zu tief. Bernd Valentins Carlo blieb unter seinen Möglichkeiten, Paulo Ferreira sang sich als Alvaro glänzend frei und kam als Einziger stilistisch an Verdi heran. Die Männer-Duette haben endlich gezündet! Rollendeckend Johannes Wimmers Marchese, stimmlich wenig reizvoll Melanie Langs Preziosilla, unauffällig Marek M. Gaszteckis Guardian, spielfreudig, aber baritonal flackernd Karel Martin Ludviks Melitone.

Die Krone gebührt Francesco Angelicos spannender, energiegeladener und auch zutiefst lyrischer Leitung am Pult des frischen, leistungsbereiten Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck. Überrascht nahm er den stärksten Applaus entgegen.


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