Streikwelle inmitten der Krise

Verzweiflung und Angst vor Arbeitslosigkeit machen sich breit.

Von Filippos Sacharis/APA

Athen – Eine große Streikwelle hat Griechenland erschüttert. Verzweiflung und Angst vor der Zukunft machen sich breit. Der Universitätsmitarbeiter Nikos Karistinaios, der vielleicht seine Arbeit verliert, sagt gegenüber der APA: „Es ist mehr als unfair und ungerecht, was zurzeit geschieht, nicht nur für mich, sondern für die Universität selbst, die durch Personalmangel gefährdet ist.“

Der Verwaltungsbeamte an der Athener National und Kapodistrian Universität erläutert: „Nach 16 Jahren Arbeit verschieben sie mich wahrscheinlich in die Mobilitätsreserve, und ich werde nach einer Übergangszeit von acht Monaten ganz entlassen, wenn es für mich keinen neuen Posten in der Verwaltung gibt.“ Laut Schätzungen werden mindestens 1665 Arbeitnehmer der drei Universitäten in Athen und Thessaloniki in diese Mobilitätsreserve geschickt. „Und dann? Also Universitäten ohne Personal? Was bedeutet ein solcher geplanter Personalabbau?“

Lehrende haben sich am Streik beteiligt, zu dem die Gewerkschaften aufgerufen haben, weil die Troika einen massiven Stellenabbau im Staatsdienst fordert. Die Gewerkschaftsverbände GSEE und ADEDY laufen Sturm gegen das Vorhaben der Regierung und Troika aus EU-Kommission, EZB und Internationalem Währungsfonds (IWF). Sie warnen davor, dass 9000 mehr Beamte in die Arbeitsreserve versetzt und 15.000 im Öffentlichen Dienst direkt entlassen werden.

Die Öffentlichen Bediensteten traten in einen erneuten Streik: Schulen und Universitäten blieben eine Woche geschlossen. Auch in mehreren Ministerien, in Krankenkassen, in Privatschulen und bei der Pensionskasse IKA ruhte die Arbeit. Darüber hinaus herrschte Unruhe in den Krankenhäusern wegen des Streiks von Ärzten. Die Krankenhausärzte protestierten gegen die drohende Schließung von Spitälern. Die Rechtsanwälte äußerten ebenfalls ihre Solidarität und streikten.

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Die Gewerkschaften werfen der Regierung vor, die Staatsbediensteten in die Arbeitslosigkeit zu treiben. Die Arbeitergewerkschaft GSEE, die mit mehrstündiger Arbeitsniederlegung an dem Streik teilgenommen hat, machte bekannt, dass die reale Arbeitslosigkeit viel höher als in der offiziellen Statistik sei und mehr als 30 Prozent betrage: „Wenn die Regierung dieselbe hoffnungslose und ineffektive Politik weiterhin fortsetzt, wird die Arbeitslosigkeit im kommenden Jahr 31,5 Prozent übertreffen.“ Die Jugendarbeitslosigkeit im Land ist auf den höchsten Stand aller Zeiten gestiegen.

Die Regierung versucht abzuwiegeln. In offiziellen Verlautbarungen wird betont, dass der Plan der Regierung und Troika einen Stellenabbau im Staatsdienst und die Reduzierung von Dienstleistungen der Beamten um mehr als ein Drittel zum Ziel habe. Finanzminister Ioannis (Yannis) Stournaras und Ministerpräsident Antonis Samaras verbreiten gleichzeitig die Hoffnung auf ein nahes Ende der Rezession und den Beginn der Markterholung. Das griechische Bildungsministerium seinerseits ist der Ansicht, dass der Staat sowohl das berufliche Fortkommen der Lehrer als auch die Stabilisierung ihrer Gehälter ermögliche.

Der griechische Bildungsminister Costas Arvanitopoulos betonte in einem Interview, dass Schulen offen bleiben sollen und dass er persönlich das Streikrecht auf jeden Fall respektiere. Er sprach von einer Stärkung des Bildungssystems und fügte hinzu, dass die Kinder von der Krise möglichst verschont bleiben sollen. Zur Angst vor Entlassungen sagte er, dass alle nötigen Maßnahmen zur Sicherung von Lehrarbeitsplätzen getroffen worden seien, sowohl für die „in Arbeitsreserve“ Versetzten als auch für jene, die im Bildungssystem verbleiben.

Die Ängste vor Entlassungen und steigender Arbeitslosigkeit wachsen dennoch. Die Fachschullehrerin Elena Skoura etwa meint, dass sich der Bildungssektor kurz vor dem Zusammenbruch befinde. Es gehe, so die Lehrerin, um eine Abwertung des Berufs inmitten der Krise. Die Probleme seien nicht neu. Aber heutzutage würden die speziellen Lern- und Förderprogramme für behinderte Kinder heruntergestuft, die spezielle Ausbildung sei mangelhaft. Die Schularbeit finde unter extrem schweren und erbärmlichen Bedingungen statt. „Wie könnte man von besseren Zeiten für die Bildung sprechen?“, fragt sich die Lehrerin, die die Zukunft düster sieht.


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