Ausgang völlig offen: Spannung bis zur letzten Minute in Deutschland

CDU-Chefin Merkel oder SPD-Herausforderer Steinbrück? Weiter mit Schwarz-Gelb? Doch wieder eine große Koalition? Oder ein ganz neues Bündnis? Bei der Bundestagswahl am Sonntag entscheidet sich, wie es mit Deutschland weitergeht.

Wahlplakate der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück.
© EPA

Berlin, München - Die Deutschen entscheiden am Sonntag bei der Bundestagswahl, wer Europas größte Volkswirtschaft in den kommenden vier Jahren regieren wird. Letzte Umfragen deuten auf ein sehr knappes Rennen. Kanzlerin Angela Merkel kann zwar damit rechnen, dass die Unionsparteien stärkste Kraft werden. Ob es aber für die von CDU, CSU und FDP gewünschte Fortsetzung der schwarz-gelben Koalition reichen wird, ist ungewiss.

Nach allen Umfragen sind viel mehr Deutsche als bei früheren Bundestagswahlen noch nicht sicher, wem sie am Sonntag tatsächlich ihre Stimme geben. Alle Parteien machen deshalb Wahlkampf bis zur letzten Minute. Auch Merkel und ihr Herausforderer Steinbrück haben für Samstag nochmals mehrere Veranstaltungen geplant. Jetzt wird vor allem um die so genannte Zweitstimme gebuhlt, die die Wahl letztlich entscheidet. Insbesondere die FDP setzt darauf, dass Merkel-Anhänger für sie stimmen, damit sie im Bundestag bleibt und Schwarz-Gelb weitermachen kann. Die Union will das Bündnis mit der FDP ebenfalls fortsetzen, wehrt sich aber gegen die Zweitstimmenkampagne des bisherigen Partners. Der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer mahnte die FDP, „sich nicht gegenseitig die Stimmen streitig zu machen“. Merkel bat ebenfalls mehrfach um beide Stimmen für die Union.

SPD und Grüne streben - wie zwischen 1998 und 2005 - ein rot-grünes Bündnis an, obwohl dies die Umfragezahlen nicht hergeben. Bei den Sozialdemokraten laufen aber auch schon Planspiele für eine neue große Koalition. Ihr Kanzlerkandidat Steinbrück hat mehrfach deutlich gemacht, dass er selbst dafür nicht zur Verfügung steht. Die verschiedenen Angebote der Linkspartei zur Zusammenarbeit stießen bei der SPD-Spitze bisher auf Ablehnung.

Patt in Umfragen

Das am Donnerstagabend veröffentlichte ZDF-“Politbarometer“ ergab eine hauchdünne Mehrheit für Schwarz-Gelb. CDU/CSU und FDP kämen danach zusammen auf 45,5 Prozent. Auf SPD, Grüne und Linke entfallen 44,5 Prozent. Die Union käme demnach auf 40 Prozent der Stimmen, die FDP auf 5,5 Prozent, die SPD auf 27 Prozent, die Grünen auf 9 Prozent und die Linken auf 8,5 Prozent.

In einer Donnerstagfrüh veröffentlichten Erhebung des Instituts INSA für die „Bild“-Zeitung waren Schwarz-Gelb mit 44 Prozent der Stimmen noch auf keine Mehrheit gekommen. SPD, Grüne und Linke waren hier rechnerisch auf 45 Prozent gekommen. Ein rot-rot-grünes Bündnis haben SPD und Grüne allerdings ausgeschlossen. Eine große Unbekannte bleibt die erst im Frühjahr gegründete eurokritische Partei Alternative für Deutschland (AfD). Laut INSA würde sie mit fünf Prozent ins Parlament einziehen, beim ZDF hingegen landete sie bei vier Prozent. Sollte die AfD in den Bundestag kommen, würde das die Regierungsbildung erschweren. Das ZDF hatte erstmals seit Jahrzehnten entgegen bisheriger Absprachen mit der ARD noch in der Woche vor der Wahl eine Umfrage veröffentlicht. Das war deshalb interessant, weil die Daten nach der Bayern-Wahl und während der Pädophilie-Debatte bei den Grünen erhoben wurden.

FDP in Existenznot

In der FDP, die um ihren Einzug in den Bundestag zittern muss, nimmt unterdessen der Druck auf die Spitzenkandidaten Rainer Brüderle und Parteichef Philipp Rösler zu. In mehreren Landesverbänden gibt es bereits Überlegungen, das Spitzenduo bei einem schlechten Ergebnis und dem Verlust der Regierungsbeteiligung abzulösen, wie die Nachrichtenagentur dpa aus Parteikreisen erfuhr. Rösler wiederum wolle versuchen, nach einer Ablösung von Fraktionschef Brüderle diesen Posten selbst zu übernehmen. Sollte die FDP aus dem Bundestag fliegen, dürften Brüderle und der seit 2011 amtierende Bundesvorsitzende Rösler aber ohnehin nicht zu halten sein.

Die Spitzenkandidaten

ANGELA MERKEL - Kampf um dritte Kanzlerschaft

1

Die CDU-Chefin kämpft bei der Wahl am 22. September um ihre dritte Kanzlerschaft. Ins Amt kam Angela Merkel 2005 an der Spitze einer Großen Koalition aus Union und SPD. Seit 2009 führt sie ein Bündnis mit der FDP, das sie erklärtermaßen fortsetzen will. An die Spitze ihrer Partei gelangte die vorherige Generalsekretärin im Jahr 2000 im Zuge des CDU-Spendenskandals - nachdem sie sich scharf von Altkanzler und Ex-Parteichef Helmut Kohl distanziert hatte.Als Parteivorsitzende hat die heute 59-Jährige der CDU eine programmatische Modernisierung verordnet. Grundsatzpositionen wie die Wehrpflicht und das Ja zur Atomkraft wurden aufgegeben, auch in der Familien- und Bildungspolitik änderte sich der Kurs - zum Leid des konservativen Flügels. In die Politik kam die ostdeutsche Physikerin in der Wendezeit. Sie wurde Vizesprecherin der ersten demokratisch gewählten DDR-Regierung und später unter Kohl zunächst Frauen-, dann Umweltministerin. Mitglied des Bundestags ist sie bereits seit 1990.

PEER STEINBRÜCK - Klartext-Mann auf schwieriger Mission

2

Mit 66 Jahren will er es noch einmal wissen. Das Problem: Der frühere Finanzminister hatte nach dem Ende der Großen Koalition eine Kandidatur nicht einkalkuliert - und so fielen Steinbrück seine lukrativen Vorträge gleich auf die Füße, als er schlecht vorbereitet und zunächst ohne eigenen Mitarbeiterstab in das äußerst schwierige Unterfangen startete. Hinzu kamen unglückliche Äußerungen. So trauen ihm bisher nicht viele Bürger zu, es besser zu können als Merkel.

Manche fragen auch, ob er der richtige Mann ist für ein eher linkes SPD-Programm. Früher sah er etwa Mindestlöhne kritisch. Aber der Mann feiner Ironie und scharfer Worte kämpft. Die Karriere des Volkswirts begann 1974 im deutschen Bauministerium, unter Helmut Schmidt war er Referent im Kanzleramt. Nach Ministerposten in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen wurde der gebürtige Hamburger in Düsseldorf Ministerpräsident (2002-2005), dann war er Minister unter Merkel. Für die Zukunft hat er letzteres aber ausgeschlossen.

RAINER BRÜDERLE - Haudegen mit Handicap

3

Für den Vorsitzenden der FDP-Bundestagsfraktion läuft der Wahlkampf bisher alles andere als rund. Vor sechs Wochen stürzte er nach einem privaten Abend mit Freunden schwer, zog sich Brüche an Arm und Oberschenkel zu. Seitdem kämpft der 68-Jährige in der Reha, um zum Wahlkampfendspurt mit vielen Großveranstaltungen wieder fit zu sein. In der Zwischenzeit gibt Brüderle im Akkord Interviews, fordert mehr Datenschutz in Europa, geißelt die Steuererhöhungspläne von Rot-Grün und sucht beim Solidarzuschlag die Konfrontation mit der Kanzlerin. Wann mit dem stufenweisen Soli-Ausstieg begonnen werden soll, darüber sind sich Brüderle und FDP-Chef Philipp Rösler aber selbst nicht so ganz einig.Brüderle, als Fraktionschef lange ein Rösler-Rivale, findet die Doppelspitze mit dem 40-jährigen Vizekanzler gut. Die Mischung aus Jung und Alt sei richtig. "Das läuft alles sehr offen und fair", sagte Brüderle der "Welt am Sonntag" über sein Teamspiel mit Rösler.

KATRIN GÖRING-ECKARDT UND JÜRGEN TRITTIN - Gemischtes Grünen-Doppel

4

Frau aus dem Osten, Mann aus dem Westen - Vertreterin des Realoflügels, pragmatischer Parteilinker - abwägende Rednerin, scharfer Rhetoriker: Zwei sehr unterschiedliche Politiker haben die Grünen per Urwahl an der Spitze ihres Wahlkampfs gestellt. Der 59-jährige Jürgen Trittin steht für klaren Rot-Grün-Kurs. Die 47-jährige Göring-Eckardt soll stärker in sogenannte bürgerliche Schichten ausstrahlen. Doch bisher fiel es der Thüringerin manchmal schwer, neben dem oft dominant wirkenden Bremer durchzudringen.Trittin ist mit Renate Künast seit 2009 Fraktionschef im Bundestag. Im Kabinett von Gerhard Schröder leitete er von 1998 bis 2005 das Umweltressort. Vielen gilt er als etwas arrogant, doch im Wahlkampf betont er seine charmante Seite. Göring-Eckardt engagierte sich in der kirchlichen Opposition der DDR und sitzt heute im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Sie war 1989 Gründungsmitglied der Bürgerbewegung "Demokratie Jetzt" und von "Bündnis 90". Unter Rot-Grün war sie Fraktionsvorsitzende.

GREGOR GYSI, SAHRA WAGENKNECHT UND ANDERE - Der Linken-Achter

5

Die Linke konnte sich nicht auf einen oder zwei Spitzenkandidaten einigen und hat sich deswegen für gleich acht entschieden. Die prominentesten sind Fraktionschef Gregor Gysi und seine Stellvertreterin Sahra Wagenknecht. Der 65-jährige Gysi gilt nach dem Abgang Oskar Lafontaines als mächtigster Mann der Linken, hat aber während des erbitterten Machtkampfs um die Parteispitze im vergangenen Jahr Autorität eingebüßt. Der Berliner Rechtsanwalt hat ein zweistelliges Wahlergebnis als Ziel ausgegeben, in den Umfragen liegt die Partei zwischen sechs und neun Prozent.Wagenknecht war früher Wortführerin der Kommunistischen Plattform lässt ihre Mitgliedschaft in der radikalen Parteigruppierung seit ihrer Wahl zur stellvertretenden Parteivorsitzenden aber ruhen. Neben Gysi gilt die 44-jährige Lebensgefährtin Lafontaines als die Linke mit der stärksten Ausstrahlung. Gysi hat ihren Aufstieg in der Partei mehrfach gebremst. Nach der Wahl könnte sich aber die Frage neu stellen, ob sie an seiner Seite Fraktionschefin wird.

BERND LUCKE - Wissenschaftler als politische Alternative

6

Ein Organisationsgenie sei er nie gewesen, gibt der Spitzenkandidat der eurokritischen Alternative für Deutschland (AfD) zu. "Ich bin Wissenschaftler und kein Manager", sagt Bernd Lucke, aber politisches Geschick und Machtbewusstsein hat er durchaus. Unangefochten führt der 51-jährige Wirtschaftsprofessor aus der Nähe von Hamburg die neue Partei.

33 Jahre war er in der CDU, und noch immer beschreibt er sich als Christdemokraten - wenn auch als einen, "der sich von seiner Partei verlassen fühlt" und nicht ungekehrt. Sichtbar genießt der Vater von fünf Kindern die Begeisterung, die ihm oft entgegenschlägt. Ob der Jubel auch am Wahlabend anhält, ist allerdings ungewiss. Prognosen geben der AfD etwa drei Prozent.

OHNE KAPITÄN - Piraten und Freie Wähler

7

Die Piratenpartei geht ohne bundesweiten Spitzenkandidaten in die Wahl. Offiziell fungieren die 16 Kandidaten auf den ersten Plätzen der Landeslisten als "Spitzenkandidaten". Als Gesichter der Partei im Wahlkampf gelten aber vor allem Parteichef Bernd Schlömer und die politische Geschäftsführerin Katharina Nocun.Die Freien Wähler hatten nur kurz einen Spitzenkandidaten: Der Konrad-Adenauer-Enkel Stephan Werhahn legte sein Amt im März überraschend nieder und kehrte auch noch in die CDU zurück. Nun gelten wie bei den Piraten die 16 Erstplatzierten der Landeslisten als "Spitzenkandidaten".

Neuauflage der Großen Koalition?

61,8 Millionen Wahlberechtigte sind am Sonntag zur Stimmabgabe aufgerufen. Merkel regiert seit 2009 in einer Koalition von CDU/CSU und FDP („Schwarz-Gelb“). Vorher hatte sie vier Jahre lang eine Große Koalition mit den Sozialdemokraten geführt („Schwarz-Rot“). Sollte es am Sonntag weder für „Schwarz-Gelb“ noch für „Rot-Grün“ reichen, wäre eine Neuauflage der Großen Koalition denkbar. Nach den Wahlen sind zunächst Sondierungsgespräche und dann wochenlange Koalitionsverhandlungen zwischen den Parteien zu erwarten, bevor die neue Regierung steht. Die Kanzlerwahl dürfte frühestens Ende Oktober im Bundestag anstehen. Der neue Bundestag muss sich aber innerhalb von 30 Tagen konstituieren.

Bei der Bundestagswahl 2009 hatten CDU/CSU mit 33,8 Prozent ihr zweitschlechtesten Ergebnisse in der Geschichte der Bundesrepublik erzielt - was aber vom hervorragenden Abschneiden der Liberalen (14,6 Prozent) kompensiert wurde. Die SPD kam vor vier Jahren auf 23,0 Prozent, die Linke auf 11,9 und die Grünen auf 10,7 Prozent.

Hessen wählt auch neuen Landtag

Zeitgleich mit dem Bundestag wird im Bundesland Hessen ein neuer Landtag gewählt. Dort sind rund 4,4 Millionen Bürger stimmberechtigt. Auch in Hessen regiert eine christlich-liberale Koalition. Umfragen verheißen ebenfalls ein sehr knappes Ergebnis. Sollte die rot-grüne Opposition in Hessen gewinnen und SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel CDU-Ministerpräsident Volker Bouffier ablösen, hätten die von SPD und Grünen regierten Länder eine eigene Mehrheit im Bundesrat, der deutschen Länderkammer. Dies würde einer christlich-liberalen Regierung in Berlin die Arbeit noch schwerer machen. (dpa, AFP, TT.com)


Kommentieren


Schlagworte