Türöffner für mehr Integration

Das Integrative Schulzentrum Vorderes Stubai ist das erste seiner Art in Tirol. Es weicht die Fronten in der Debatte um die Sonderschulen auf. Für das Land ein Zukunftsmodell.

Von Christoph Mair

Fulpmes, Innsbruck –Die Debatte um die Sonderschulen wird in Tirol momentan wieder lauter geführt. Von dem Richtungsstreit unbeeindruckt beschreiten die Neue Mittelschule (NMS) Vorderes Stubai in Fulpmes und die dortige Sonderschule einen neuen, gemeinsamen Weg, der richtungsweisend sein könnte.

Seit Beginn des Schuljahres kommen die Kinder der Sonderschule und jene der NMS durch ein gemeinsames Schultor – jenes der Neuen Mittelschule. Diese trägt seitdem den Titel „Integratives Schulzentrum“, die Sonderschule selbst existiert nicht mehr. Innerhalb der gemeinsamen Schulmauern besuchen Kinder mit Lernschwächen die normalen Regelklassen der NMS. Wo notwendig, erhalten sie spezielle Förderungen in kleineren Gruppen. Kinder mit erhöhtem Förderbedarf werden weiterhin von Sonderpädagogen in einer eigenen „angegliederten Sonderschulklasse“ als eine von 15 Klassen der NMS Vorderes Stubai unterrichtet.

Das bislang für die Sekundarstufe in Tirol einzigartige Konzept stammt von der langjährigen Stubaier Sonderschulleiterin Herta Peer. „Wir bieten unseren Schülern dadurch so viel Gemeinsames wie möglich bei so viel Schonraum wie notwendig“, hebt sie die Flexibilität des Modells heraus.

Peer weiß aus Erfahrung, dass die undifferenzierte Forderung nach schulischer Integration nicht für jedes Kind mit einem Handicap automatisch das Beste ist. „Wir müssen von Kind zu Kind schauen, wie wir ihm die beste Förderung gewähren können. Das ist mit einigen Stunden Unterstützung in der Regelschule nicht immer erreichbar.“

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Beim Direktor der NMS Vorderes Stubai, Josef Wetzinger, stieß Peer mit ihrem Vorschlag rasch auf offene Ohren. „Ich glaube, wir nehmen dadurch viel Druck von der Sonderschule, die oft mit einem negativen Sonderstatus behaftet ist“, sagt Wetzinger. Dennoch bleibe für Eltern die Wahlmöglichkeit erhalten. Gleichzeitig seien aber auch die Kinder mit erhöhtem Förderbedarf Schüler der NMS und die Gemeinsamkeiten würden in der Früh, in den Pausen und Veranstaltungen sichtbar, betont Wetzinger.

Für den Direktor war wichtig, dass der Lehrkörper dem Zusammenrücken sehr positiv gegenübergestanden sei. Und auch von den Eltern habe es einen „Vertrauensvorschuss“ gegeben. Peer und Wetzinger wollen kein starres System, sondern auf die Bedürfnisse der Kinder reagieren. So könnten auch NMS-Schüler bei Bedarf die sonderpädagogischen Förderangebote unkompliziert in Anspruch nehmen. Eine Ausdehnung auf die Volksschule sei angedacht, verrät Peer.

Für einen Ausbau der integrativen Schulzentren spricht sich auch Bildungslandesrätin Beate Palfrader (VP) aus: „Das ist ein wichtiger Schritt, um die Integration und Inklusion zu verstärken.“ Daraus entstehe eine Schule, die auf Stärken setzt, Schwächen erkennt und professionelle Unterstützung biete, spricht sich Palfrader für eine Ausweitung aus. Voraussetzung sei allerdings, dass der Wunsch zur Zusammenführung aus den Schulen selbst komme.

Das Modell sei auf alle Fälle ausbaufähig, besonders für kleinere Standorte von Sonderschulen, erklärt der für die Sonderpädagogik zuständige Landesschulinspektor Josef Federspiel. „Ich halte nichts davon, Sonderschulen einfach ohne adäquates Ersatzangebot zu schließen“, entgegnet Federspiel auf Forderungen nach der raschen Abschaffung der Sonderschulen. Weitere Integrative Schulzentren seien noch im laufenden Schuljahr an den VS in Brixlegg und Wattens geplant.


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