„Ich bin noch nicht rennfertig“

Bereits fünf Wochen vor dem Weltcup-Auftakt verschlug es Skistar Marcel Hirscher ins Ötztal. Der Salzburger reiste mit dem Hubschrauber an – und ließ dabei Spuren von Müdigkeit erkennen.

Von Florian Madl

Oetz –Die Augen gerötet, die Stimme matt. Marcel Hirscher wirkte vor seinem gestrigen Auftritt in Oetz wie ein Rockstar während einer langen Konzert-Tournee. Erst Graz (Tag der Bewegung), dann Wien (Tag des Sports), dann Linz (Firmenfeier der VOEST). „3000 Autogrammkarten hat Marcel signiert und verteilt“, erzählt sein Pressebetreuer anerkennend. Hirscher will dabei immer authentisch bleiben, „auch wenn mir bei dem Trubel manchmal die Geduld fehlt“.

Gestern war der Gletscher-Auftakt in Sölden (26./27.10.)noch ein Stück weit entfernt: geografisch (45 km), zeitlich (fünf Wochen), klimatisch sowieso. Aber in trügerischer Sicherheit wiegt sich Marcel Hirscher keineswegs: „Ich habe im Riesentorlauf Nachholbedarf“, glaubt er nach Vergleichen mit Massimiliano Blardone (ITA) und Thomas Fanara (FRA) im Überseetraining zu wissen. Es klingt ein wenig nach Understatement, wenn das der schnellste Techniker der Gegenwart mit treuherzigem Blick von sich behauptet. Aber Hirscher wäre wohl nie Hirscher geworden, wenn er die Anzahl seiner Fans als Gradmesser für seinen Leistungsstandard heranziehen würde. Gestern in Oetz hätte der 24-Jährige dann nämlich den Eindruck gewinnen müssen, dass ihm keiner das Wasser reichen könne.

Wenn Hirscher müde ist, bemüht er sich ein Stück weniger um Diplomatie. So urteilte der Skistar dann auch über die ihm zuerkannte Rolle des sportlichen Heilsbringers: „Wenn es bei einer Weltmeisterschaft heißt, dass nur noch der Hirscher Medaillen holen kann, kommt das doch in erster Linie aus den Medien.“ Eine Anspielung auf die Heim-WM 2013 in Schladming, als er scheinbar der Erwartungshaltung einer selbsternannten Ski-Nation gerecht werden musste. Vor den Olympischen Spielen 2014 werde ihm das nicht passieren: „Man darf nicht daran denken, welch historische Bedeutung eine Medaille dort haben würde.“

Augenblicklich tut sich Marcel Hirscher allerdings schwer, das zu erfüllen, was er seine Hausaufgaben nennt: das Training. „Gestern kam ich um elf Uhr abends heim. Da denkst nur noch an dein Zahnbürstl und das Bett“, gab Hirscher unumwunden zu. Zwar erhole sich der Muskel an Tagen wie diesen, aber der Kopf nicht. Der brummt bisweilen, wie Hirscher meint. Und dennoch schöpft einer wie er auch aus Autogrammstunden Kraft, das sieht man ihm an. Und deshalb absolvierte der Annaberger in Wien auch einen Termin abseits der Öffentlichkeit, den er niemals an die große Glocke hängen würde. Hirscher besuchte kranke Kinder. Kein Journalist, kein Fotograf musste wissen, wo er seine grünen Wollkapperl verteilt.

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