Ein Ritt in Nissans Kanonenkugel

Ein V6-Aggregat mit zwei Turboladern, 3,8 Litern Hubraum, 550 PS und 632 Nm Drehmoment. Die Spezifikationen des Nissan GT-R sind mehr als nur beeindruckend, und genau so fährt er sich auch: einfach brachial. Er kann aber nicht nur athletische Qualitäten vorweisen.

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Von Lukas Letzner

Die Hände schwitzen und der Blick ist starr nach vorn gerichtet, während wir die Landschaft im schnellen Vorlauf durch die Frontscheibe spulen. Was wir gerade machen? Wir dürfen Japans Sportwagenlegende, den Nissan GT-R, eine Zeit lang unter unsere Fittiche nehmen. Und nein, auch wenn es nicht unbedingt notwendig wäre, es ist kein Zufall, dass unser iPod mit Musik vollgestopft ist, die den Druck auf das Gaspedal eher erhöht als verringert, denn auf dieses Auto durften wir uns schon länger freuen.

Doch zurück zum Anfang. Schon beim ersten Umkreisen der japanischen Sportskanone wird uns schnell klar: Dieses Auto ist nichts für zart besaitete Gemüter. Aus dem Heckdiffusor des GT-R stehen vier armdicke Endrohre heraus, den Deckel des Kofferraumes ziert ein schwarzer Carbonflügel und an den Flanken klaffen große Luftauslässe. Der GT-R ist eher ein Poser. Understatement überlässt er anderen.

Wie die Motten vom Licht, werden wir vom Fahrersitz des GT-R angezogen. Die schwarz-roten Recaros bieten für jedes Sitzfleisch genug Platz und an Seitenhalt dürfte es auch bei entsprechenden Kurvengeschwindigkeiten nicht mangeln. Beim Anblick der Mittelkonsole kommt uns die F16-Simulation in den Sinn, die wir vor Jahren am PC gespielt haben. Mittels Kippschaltern lassen sich Fahrwerk, Motorleistung und elektronische Helferlein wahlweise entschärfen oder kräftig würzen. Das Display in der Mittelkonsole gibt bei Bedarf Auskünfte über die auftretenden G-Kräfte, Ladedruck oder die Öltemperatur.

Ein Druck auf den feuerroten Startknopf in der Mittelkonsole lässt den GT-R, und auch uns, jede Muskelfaser anspannen. Das Fauchen des Motors wird von einem leisen Surren der Hydraulikpumpen im Getriebe begleitet. Die brauchen einen Moment, bis sie es zulassen, dass der Ganghebel in die Drive-Stellung bewegt wird.

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Mit einem sensiblen Gasfuß rangieren wir den Supersportler aus der Parklücke unserer Tiefgarage, während die Differenzialsperre die 285er-Patschen über den Asphalt rattern lässt. Ganz automatisch wird jeder Pilot eines solchen Autos seine ganz persönliche Lieblingsstrecke aufsuchen. In unserem Fall ist das eine kurvenreiche Bergstraße.

Der erste Druck aufs Gaspedal lässt schließlich die Nadel zucken. Ruck-zuck holt sich der GT-R den zweiten Gang und schnellt energisch nach vorn: sechs-, sieben-, achttausend Umdrehungen. Mit spielerischer Leichtigkeit wühlt sich der 3,8-Liter-Turbo durchs Drehzahldickicht, während die serienmäßige Sechs-Gang-Doppelkupplung blitzschnell den nächsten Gang nachlädt. Wer die wahnwitzige Idee hat, diese Arbeit schneller verrichten zu können, der kann auf die Carbon-Paddles hinter dem Lenkrad zurückgreifen.

Erstmals wird unser Körper von Adrenalin durchströmt, während die beiden Turbolader munter jeden verfügbaren Tropfen Sprit in die Brennkammern pumpen. 2,7 Sekunden – so kurz soll das Ungetüm brauchen, um die 100-km/h-Marke sprichwörtlich zu pulverisieren (zum Vergleich: der Porsche GT3 braucht 3,5 Sekunden). Bei dieser Beschleunigungs-Orgie hat man das Gefühl, auf einer scharfen Cruise-Missile-Rakete zu sitzen.

Obwohl der GT-R seine 1,7 Tonnen in den Asphalt massiert, macht er sich Strecken jeder Art untertan. Wie das kommt? Die maximal 550 PS und 632 Nm Drehmoment verteilt der Nissan auf alle vier Räder. Dabei erfolgt die Kraftverteilung variabel. Primär werden die hinteren Pneus angetrieben, doch bevor diese in die Verlegenheit kommen, den Halt zu verlieren, wird die Kraft nach vorne geleitet. Das Ergebnis: Der GT-R klebt förmlich auf der Straße und man hat das Gefühl, als würde ein Magnet den Nissan in der Spur halten.

Dabei ist das Fahrwerk derart hart abgestimmt, dass sich die Prüfnummer eines Kanaldeckels wahrscheinlich in den Hintern eingravieren würde, wenn man darüberfährt. Doch bei einem Supersportler wie dem GT-R darf einen das nicht wundern.

Umso erstaunlicher ist es, dass man den Nissan auch ganz normal bewegen kann. Speziell wenn man Gaspedalkennlinie und Motorleistung auf den „Save“-Mode stellt, hat man keine Probleme, den GT-R durch die Stadt zu pilotieren. Dank Rückfahrkamera und Park-Piepsern ist die mangelnde Übersicht auch kein Problem. Und ganz nebenbei: Der Kofferraum schluckt immerhin 315 Liter. Wer also schnell etwas einkaufen muss, der braucht sich um den Platz keine Sorgen zu machen.

Der Nissan GT-R ist ein Supersportler, der mit seinen 118.500 Euro (die Basis) im Vergleich zu GT3 und Co schon fast ein Schnäppchen ist und ganz nebenbei richtig viel Spaß macht.

Die Technik

Motor: 6-Zylinder-Benziner

Hubraum: 3799 ccm

Drehmoment: 632 Nm bei 6400 U/min

Leistung: 404 kW/550 PS

L/B/H: 4670/1895/1370 mm

Gewicht: 1741/2200 kg

Kofferraumvolumen: 315 l

Tankinhalt: 74 l

Höchstgeschwindigkeit: 315 km/h

0–100 km/h: 2,7 Sekunden

Verbrauch: 16,5 l/100 Kilometer

Kraftübertragung: Allradantrieb

Preis: 127.150 Euro

CO2-Emission: 275 g/km


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