Rostig geschliffener Kristall

Die am Sonntag geweihte Kapelle am Penken ist das erste Bauwerk des Schweizer Architekten Mario Botta in Österreich. Gesetzt als monumentaler Granat in die Landschaft.

Der Schweizer Architekt Mario Botta.
© Dähling Angela

Von Edith Schlocker

Finkenberg –Obwohl es in den letzten Jahren um den Schweizer Architekten Mario Botta etwas still geworden ist, ist er nach wie vor international gefragt. Derzeit baut der 70-Jährige gerade einen riesigen Universitätscampus in China, um trotzdem Zeit zum Entwerfen einer kleinen Kapelle zu haben, die sich die Zillertaler Unternehmer­familie Brindlinger am Penken in rund 2010 Metern Seehöhe hat bauen lassen.

Als Josef Brindlinger vor zwei Jahren eine entsprechende Anfrage per Mail an den Architekten gerichtet hat, bekam er nur vier Stunden später die Anwort, eine Kapelle sei immer ein Thema für ihn. In nur drei Monaten wurd­e diesen Sommer das kleine Gotteshaus von Bottas Partner vor Ort, Bernhard Stoehr, nach dessen Plänen umgesetzt, um nun wie eine Skulptur in der hochalpinen Landschaft zu stehen. Ihre kristalline Form hat mit dem Granat zu tun, den Brindlingers Urgroßvater Josef Hofer (1802–1872) u. a. hier geschürft hat.

Dass die Granatkapelle das erste Bauwerk ist, das Botta in Österreich realisiert hat, ist eigentlich eine Schande. Dies sei auch eine Schande für ihn, entgegnet der Architekt und lacht. Er hat repräsentative Bauten für Banken, Theater, Museen, Bürogebäude und Schulen in aller Welt gebaut und dazwischen immer wieder kleine Kirchen. Seien sie für ihn doch ein ganz besonders reizvolles Thema in unserer säkularisierten Welt, sagt Botta. Als gerade heute so wichtige spirituelle, weil sich dem materiellen Konsum verweigernde Orte. Wie sie in der ganzen Menschheitsgeschichte immer wieder entstanden seien als Orte zum Nachdenken über sich. Ohne sich selbst als gläubigen Menschen zu definieren: „Ich glaub­e an die spirituelle Kraft der Architektur“, sagt Botta, „und somit an die Menschen, die Menschheit.“

Sakralbauten hätten ihm geholfen, Architektur generell zu verstehen, so der Baukünstler. Für ihn ist das Thema der Kapelle so reizvoll, weil es Licht und Geometrie in sich vereint. Jene zwei Eigenschaften, die Mario Botta als die zentralen Eigenschaften seiner Architektur bezeichnet.

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Die kleine Kapelle am Penken steht als signalartiger Antipode zur Natur in der Landschaft. Inspiriert zwar von der strengen Geometrie des Granats mit seinen zwölf von stumpfen, spitzen und rechten Winkeln dominierten Facetten, lesbar aber auch als Metapher für menschliches Tun. Sei doch jeder Akt des Bauens einer, der die Natur in einen Zustand der Kultur versetze. Was an einem so speziellen Ort, wie es der Penken ist, besonders reizvoll sei. Dieser Gegensatz zwischen Natürlichem und Künstlichem lasse auch die Landschaft neu entdecken. Als er am Sonntag auf den Penken kam und diesen nun vollendeten perfekten Baukörper vorfand, habe er die umgebende Berglandschaft viel intensiver erlebt als je davor. Sei Architektur doch letztlich immer ein Kampf gegen die Natur, ein Element, das die Natur ersetzt, so Botta. Die Forderung, dass sich die Architektur in die Natur integrieren, gefälligst unsichtbar sein soll, hält er jedenfalls für einen fatalen Fehler.

Die Setzung der Kapelle ist exakt gewählt ebenso wie ihr­e Nord-Süd-Ausrichtung. Als Referenz an den Ort ist die Granatkapelle ein auf einen im Felsen verankerten Sockel aus Beton aufgesetzter hölzerner Baukörper aus massivem Holz. Im Inneren verkleidet mit 6,5 Kilometern von schmalen Lärchenlatten und außen ummantelt mit 21 Tonnen Cortenstahl, die elf der zwölf Facetten des „Kristalls“ mit einer Gesamtfläche von 412 Quadratmetern bedecken. Der bereits jetzt rostige Patina anzusetzen beginnt. Botta hat auch den Altar des Kirchenraums, dessen Grundfläche ganze 20 Quadratmeter klein ist und sich nur durch zwei schmale „Fenster“ in Kreuzform nach außen öffnet, entworfen. Geweiht ist die Kirche dem seligen Engelbert Kolland, einem Zillertaler Franziskaner, der 1860 in Damaskus als Märtyrer gestorben ist. Sein in der Kirche hängendes Bildnis wurde vom Tiroler Künstler Markus Thurner aus 1321 winzigen Stückchen von fünf verschiedenen Hölzern gepuzzelt.

Botta ist einer der wichtigsten Vertreter der „Tessiner Schule“, in der es nicht zuletzt darum geht, das traditionelle Bauen vor Ort neu zu interpretieren. Möchte man wissen, was er zu dem sagt, was sich architektonisch im Zillertal tut bzw. nicht tut, gibt sich der Meister diplomatisch. Lobt er das Landschaftsbild als Ganzheit, die schönen Kirchen. Und die ubiquitären klischeehaften Abziehbilder von gutem Altem seien wahrscheinlich Ausdruck der heutigen Zeit und ihrer verlorenen Werte.


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