Ein Ausstieg als Alarmsignal

Die schulische Integration von Kindern mit Behinderung sorgt weiter für heftige Debatten.

Von Christoph Mair

Innsbruck –Seit genau 20 Jahren gibt es in Österreich für Kinder mit Behinderung das Recht auf schulische Integration, sprich den Besuch einer Regelschule.

In Feierlaune sind die Mitarbeiter von MOHI-Tirol deshalb jedoch nicht. Ganz im Gegenteil. Denn die Sozialeinrichtung, die seit 1993 Unterstützung für betroffene Kinder anbietet, steigt just zum Jubiläum aus der Schulassistenz aus, die TT berichtete. Ein Ausstieg nicht als Flucht, sondern als Aufschrei, betont MOHI-Geschäftsführer Ludwig Plangger. „Wir möchten mit diesem Schritt eine Diskussion anzetteln.“ Eine Debatte über unzumutbare Rahmenbedingungen, die Eltern von behinderten Kindern nur durch viel Kampf zu ihrem Recht auf Integration kommen lassen. „Es versteht niemand, dass es das Recht gibt, aber es nicht umgesetzt wird“, ärgert sich Plangger. „Das ist eine Schande.“ Schulassistentinnen – meist sind es Frauen – unterstützen Kinder mit erhöhtem Förderbedarf im konkreten schulischen Alltag.

Dass das Land dem jeweiligen Schulerhalter nur 15,77 Euro pro Stunde vergütet und die wöchentliche Höchststundenzahl pro Kind maximal 23 Stunden beträgt, stößt MOHI sauer auf. Das genüge gerade noch in einer halbtägigen Volksschule, Ganztagesangebote oder längere Schulveranstaltungen seien für Kinder mit Behinderung mangels Assistenz nicht möglich. Diese Deckelung sei „nicht akzeptabel“, erklärt Andrea Runggatscher, bislang verantwortlich für die MOHI-Schulassistenz, über die bis zu 30 Kinder in 20 Schulen begleitet wurden. Verhandlungen mit dem Land seien stets mühsam, allein schon weil die Zuständigkeiten auf zwei Ressorts (Bildung, Soziales) aufgeteilt seien. Auch fachlich fühlten sich die Schulassistentinnen, die wichtige Bezugspersonen für die Kinder seien, allein gelassen, kritisiert Lydia Naschberger-Schober, Direktorin des Instituts für Sozialpädagogik Stams und langjährige MOHI-Obfrau. Sie pocht zumindest auf eine pädagogische Basisausbildung, wie sie in anderen Bundesländern angeboten werde.

Für Soziallandesrätin Christine Baur (Grüne) ist der Ausstieg zu Schuljahresbeginn „nicht nachvollziehbar“. Das breite Wissen von MOHI wolle auch die Regierung nutzen, um die schulische Inklusion von Kindern mit Behinderung auszubauen und Schul­assistentinnen besser abzusichern. MOHI habe dafür gesorgt, dass alle Kinder weiter betreut werden, versichert Plangger. Der Mitarbeit will er sich nicht verschließen. Er tritt für einen Gipfel aller Beteiligten ein, um die Weichen zu stellen.


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