Zwei Menschen, die gerne dem Winter nachreisen

Snowboarden ist für die Burtons mit einem Gefühl von strahlender Freiheit verbunden. Bei ihrem Besuch in der Innsbruck-Zentrale war die Zukunft im Schnee ein Thema.

Jake Burton Carpenter ist ein leidenschaftlicher Produkttester. Seine Frau Donna kümmert sich um den Sport der Frauen und Umweltfragen.Foto: Andreas Rottensteiner
© thomas boehm

Der erste Schnee zeigt sich auf den Bergen. Was fühlen Sie, wenn Sie hinaufschauen?

Jake Burton Carpenter: Vorfreude. Es ist großartig, dass sich der Winter zeigt. Gerade wenn man an die Klimaerwärmung denkt. Für Marketing und Industrie ist der erste Schnee gut. Man muss die Leute überzeugen, dass der Winter da ist.

Jake, es heißt, dass Sie hundert Mal pro Saison auf dem Snowboard stehen.

Jake: Ich habe ein Jahr ausgelassen, als ich krank geworden bin. Aber letztes Jahr kam ich wieder auf meine hundert Tage. Es waren 104. Wir leben in Stowe, in den Bergen. So können wir zwei Stunden snowboarden und wieder zurück ins Büro gehen.

Und Sie, Donna?

Donna: Ich gehe so achtzig Mal in der Saison. Das klingt nicht so cool wie bei Jake. Es ist aber wichtig, dass wir rausgehen. Leider gab es auch Zeiten, in denen wir so viel arbeiteten, dass wir aufs Snowboarden vergaßen. Snowboarden ist für uns eine Lebensquelle.

Und Ihre drei Kinder?

Donna: Die Burschen sind alle leidenschaftliche Snowboarder. Sie leben in Colorado/Utah, wo es die hohen Berge gibt. Ich dachte immer, sie würden gegen uns rebellieren und mit dem Skifahren anfangen. Sie taten es nicht.

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Snowboards und hunderte Ausrüstungsteile: Jake, testen Sie das Material immer noch selbst?

Jake: Im Bereich Outdoor-Kleidung und Boots, ja. Ich überprüfe die Funktionalität und die Passform. Da bin ich ziemlich gut. Aber um die Snowboards zu entwickeln, haben wir Teamfahrer, Tester aus der ganzen Welt und Leute wie John Gerndt. Sie haben ein ungeheures Gefühl für das Snowboard, da komme ich nicht hin.

Donna, hatten Sie schon ein Snowboard, als Sie Jake getroffen haben?

Donna: Nein, 1981, als wir uns kennen lernten, war die Szene noch klein. Ich lebte damals auch in New York...

Jake: Wir gingen an unserem ersten Tag zusammen snowboarden.

Donna: Ja, ich wollte es unbedingt probieren. Damals waren die Snowboarder in den Skigebieten noch nicht erlaubt. Sie fuhren im Gelände.

Den Sport gibt es jetzt seit 35 Jahren. Wie denken Sie an die Anfänge zurück, als Sie selbst die ersten Bretter bauten?

Jake: Ich hatte keine Ahnung, auf was ich mich einließ. Handwerk ist eine Herausforderung. Als Kind war ich mit meinen Händen ungeschickt und fabrizierte keine guten Werkstücke. Ich musste erst lernen, wie ich ein Snowboard baue. Dabei brachte ich mich einige Male fast um. Zuvor hatte ich eine Gartenfirma und war damit sehr erfolgreich. Deshalb dachte ich, dass ich in jedes Geschäft einsteigen könnte. Dem war nicht so. Es war am Anfang wirklich schwierig. Ich fuhr auch nach Europa, etwa zum Kitzsteinhorn, um die Snowboards zu testen. Insgesamt habe ich sicher hundert Prototypen gebaut. Schließlich bin ich bei einem Snowboard angekommen. Als ich im Dezember 1977 die Firma gründete, dachte ich: Jetzt ist Winter, also produziere ich Snowboards. Aber es hat dann über ein Jahr gedauert, bis ein Board in die Serienproduktion ging.

Sie waren auch nicht leicht zu verkaufen.

Jake: Das war unmöglich. Einmal habe ich 35 Snowboards ins Auto geladen und fuhr die Sportgeschäfte im Nordosten ab, um sie zu verkaufen. Zurückgekommen bin ich dann mit 37 Boards (lacht). Einer der Burschen meinte, dass ich die Boards wieder mitnehmen solle, weil sie niemand kaufte. Ein paar Jahre später wollten alle ein Snowboard haben.

1985 kamen Sie nach Innsbruck. Wie war diese Zeit hier?

Donna: Es klingt seltsam, aber wir hatten zuerst keine großen Geschäftspläne. Wir wollten in Innsbruck noch Zeit zusammen verbringen, bis wir Kinder bekommen würden. Damals warnten uns die Leute zu Hause, dass sich der Snowboardsport hier nicht etablieren würde. Die Menschen in den Alpen seien traditionelle Alpinisten und Skifahrer. Das Gegenteil war dann der Fall. Es boomte. Der Standort Innsbruck ermöglichte uns, als europäische Firma anerkannt zu werden. Jake, erinnerst du dich? Als wir nach Europa gingen, wurden die Farben der Boards knalliger. Das war ein Einfluss Europas.

Jake: Der Erfolg hier geht auch auf den engen Kontakt mit Hermann (Kapferer, Anm.) zurück. Wir lernten ihn auf einer Messe in den USA kennen und verstanden uns auf Anhieb. Hier war er unsere Anlaufstelle. Schließlich wurde ich Taufpate seines Kindes und er von unserem ersten Sohn!

Entscheidungen treffen Sie am Lift?

Jake: Durchaus. Das hat mit den hundert Tagen Snowboarden zu tun. Manchmal frage ich einfach ein Kid, wie ihm sein Board gefällt. Ich habe schon erlebt, wie Leute ihre Produkte in der Halle entwickelt haben. Und als sie im Schnee getestet wurden, haben sie nicht wie erwartet funktioniert. Also ist es besser, Entscheidungen im Freien zu treffen, vor allem, wenn es um Produkte geht.

Was ist die Zukunft?

Jake: Die Zukunft wird großartig. Man denke nur an das Niveau bei den letzten Olympischen Spielen. Einst haben die Burschen die Mädchen mitgenommen. Jetzt bekommt das Frauen-Snowboarden ein eigenes Leben. Fahrerinnen wie Kelly Clark und Hannah Teter sind Vorreiterinnen.

Sie haben die Erderwärmung angesprochen.

Jake: Ich bin sehr besorgt und wir haben eine unabhängige Abteilung für Nachhaltigkeit eingerichtet. Was wir tun können, ist, mit Burton die richtigen Schritte zu setzen.

Donna: Der Fokus richtet sich auf Umwelt und auf soziale Fairness. Wir kontrollieren etwa über die Organisation Bluesign die verwendeten Chemikalien. Die Firma muss ihren Beitrag leisten. So sind wir auch Mitglied bei „Protect Our Winters“, eine Organisation, die gegen den Klimawandel ankämpft. Letztendlich muss sich die gesamte Industrie freiwillig Regulierungen unterziehen. Eines unserer vielen Ziele ist es, den Müll in den nächsten drei Jahren um 50 Prozent zu reduzieren. Beim Verpackungsmaterial sollen es 25 Prozent sein. Wir haben auch andere Aktionen in der Firma. Wer mit dem Rad zur Arbeit fährt, bekommt ein Frühstück.

In Österreich boomt der Skisport. Wie lautet die Antwort der Boarder?

Jake: Als das Snowboarden aufkam, hat der Sport unheimlich vom Skifahren profitiert: von der Skiindustrie, den Skigebieten, der Infrastruktur. In den letzten zehn Jahren hat sich die Situation umgedreht. Vom Snowboarden kamen der Freestyle, neue Formen der Skier, die Halfpipe oder das Outfit. Skifahren ist heute ein besserer Sport als vorher. Im Moment stagniert das Snowboarden. Aber es ist mit 35 Jahren noch ein junger Sport und hat ein großartiges Image: Snowboarden bedeutet Spaß, Bewegung, gemeinsam mit deinen Freunden am Berg.

Sie haben eine schwere Erkrankung hinter sich. Hat sich das Leben danach verändert?

Jake: Das war die schlimmste Erfahrung in meinem Leben. Danach habe ich gelernt, jeden Tag bewusst zu erleben.

Was ist ein guter Ride?

Jake: Ein Tag in der Axamer Lizum. Oder in Colorado am Ende eines Tages noch einmal hinaufzufahren und eine Variante ins Tal zu nehmen.

Donna: Mit der Familie unterwegs sein.

Wer hat den Kindern das Snowboarden beigebracht?

Donna: Ich glaube, ich...

Jake: Nein, ich habe es den Kids beigebracht.

Sie sind seit 30 Jahren verheiratet: Was ist Ihr Geheimnis?

Donna: Snowboarden. Es gab nie nur uns zwei.


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