Politische Selbstfindung und peinliche Webvideos

Der Wahlkampf geht in die Schlussphase. Auf YouTube stehen die Sieger und Verlierer bereits fest. Die offiziellen Partei-YouTube-Kanäle im Schnelltest.

Innsbruck - Der Politiker HC Strache (FPÖ wirft sich wieder einmal als "rappender" Popstar in Pose, während die SPÖ auf Youtube immer noch nicht so recht zu sich gefunden hat. Es ist zumindest gar nicht so einfach, den offiziellen Partei-Videokanal im You-tube-Dschungel auszumachen (siehe SPÖ im Schnelldurchlauf-Video).

So viele Clips wie nie zuvor wurden in die Wahlkampfschlacht geworfen: vom klassischen Werbespot bis hin zu so genannten "Virals", d.h. Webvideos, die sich möglichst rasch verbreiten sollen. Die heimische Politik hat das Internet-Videoportal für sich entdeckt, alle im Nationalrat vertretenen Parteien sind mit eigenem Kanal auf Youtube zu finden.

Dieser wird teilweise jedoch nur mit mäßigem Erfolg bespielt: "Die Parteien nutzen das Medium zwar, aber immer noch eher als Massenmedium und nicht, wie Social Web eigentlich gemeint ist, als Dialog mit den Usern", sagt Medienwissenschafter Andreas Wiesinger von der Universität Innsbruck. Auf Youtube wird nach einer jungen Wählerschaft gefischt, die Koalitionsparteien SPÖ und ÖVP haben mit großteils klassischen und "braven" Wahlwerbespots das Feld den Grünen und Freiheitlichen überlassen.

Grüner Wahlsieg auf YouTube

Denn ginge es nach Aufrufen, wären die Grünen mit mehr als zwei Millionen Klicks für insgesamt 451 Videos Youtube-Wahlsieger, gefolgt von FPÖ TV mit 1,687.541 Aufrufen für 255 Videos (Stand von Dienstagnachmittag).

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Die Grünen, die Nummer eins bei jungen Wählern werden wollen, setzen mit einer Reihe von Collage-Animationen auf Humor. Die gegnerischen Spitzenkandidaten werden als Kinder am Spielplatz dargestellt, Spitzenkandidatin Eva Glawischnig sitzt ihnen etwas belehrend gegenüber. "Wie Webvideos funktionieren, haben die Grünen meiner Meinung nach am besten verstanden. Die Clips sind schräg und kurz", sagt Wiesinger.

Polarisieren - wie z.b, mit dem von YouTube entfernten expliziten Gleichstellungsvideo der Grünen - und den Gegner schlecht aussehen lassen seien bewährte Netz-Wahlkampfmittel, die die FPÖ und Grünen am besten beherrschen würden. Bei einem jungen, netzaffinen Publikum könne mit Witz, aber auch mit Musik gepunktet werden.

Partei-Webvideos im Schnelldurchlauf

Der SPÖ-Videokanal: Gesucht - Gefunden

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Die SPÖ hat nicht nur einen offiziellen YouTube-Kanal (49 Abonnenten, die Zahl der Gesamtaufrufe ist nicht sichtbar) sondern bietet auch Einblicke in die Geschichte der Partei mit dem eigenen Channel "Rot bewegt - Geschichte der Sozialdemokratie". Für die Schnellanalyse wurde aber nur "spoevideos" in Betracht gezogen.

ÖVP macht TV: Kaum "News to Use"

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Die ÖVP konnte mit ihrem YouTube-Kanal bislang nur wenig punkten. Am Mittwoch wurden 384 Abonnente und 179.551 Aufrufe gezählt.

FPÖ-TV: Comedy wider Willen?

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In der YouTube-Wahl liegen die Freiheitlichen ganz vorne. Mit FPÖ-TV liefern sie ihr blaues Wunder. 2937 Abonnenten und 1.799.294 Videoaufrufe wurden am Mittwoch gezählt, die Angst, sich online zu blamieren, scheint den Freiheitlichen fremd.

Grüne haben Wahl auf YouTube gewonnen

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Nur wenige Tage vor der Wahl liegen die Grünen ganz weit vorne. Zumindest was ihre Webvideos anbelangt. Mehr als zwei Millionen Mal wurden die Clips der Partei im offiziellen YouTube-Kanal aufgerufen.

Team Stronach: Hochglanz und Satire

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Das Team Stronach hat mit seinem klassischen Hochglanz-Werbeclip nach Eigenbeschreibung "den besten österreichischen Wahlkampfspot für die Nationalratswahl 2013" geliefert. 774.396 Klicks verzeichnete das Video am Donnerstagabend. Medienwissenschafter Wiesinger von der Uni Innsbruck mutmaßt indes, dass man im Internet "auch Klicks kaufen kann".

HC Strache hat mit seinem bereits fünften Rap-Video aber nicht nur rund 350.000 Klicks, sondern auch einiges an Spott und Häme in You-tube-Kommentaren generiert. "Zugriffszahlen sagen ja nur wenig über eine tatsächliche Zustimmung aus", so Wiesinger. "Videos werden oft auch geteilt, weil sie peinlich sind."

Die FPÖ schickte neben dem ambitionierten FPÖ TV auch die fiktive Familie Berger ins Wahlkampf-Rennen, Tochter Anna Berger beschreibt da etwa recht zweideutig ihren "ersten Freund" der wie Parteichef Heinz-Christian Strache sein sollte. Die Auflöung, für wen dieser Spot eigentlich ist, kommt erst am Schluss. Für den APA-Filmexperten Daniel Ebner wirken die Familie-Berger-Clips jedoch alles andere als spontan und authentisch, sondern vor allem nicht gut gespielt. "Und Pathos und Verunglimpfungen führen letztlich eher zu einem Fremdschämreflex", so Ebner. Eine passende Antwort zu Anna Bergers "Mein erster Freund" mit Überraschungseffekt dazu gibt es übrigens auch schon. (Achtung Spoiler: Das Team Stronach steckt dahinter)

Im Sprechgesang übt sich neben Strache im übrigen auch Frank Stronach, allerdings nicht ganz so freiwillig: Der Videoclip "The Sound of Frank" hat etwa fünfmal so viele Aufrufe wie die Originalbotschaft des Milliardäs im "Team Stronach"-Videokanal (insgesamt 762.708 Aufrufe bei 88 Videos). Dass der Hochglanz-Wahlwerbespot des Team Stronach bislang rund 680.000 Klicks hat, zeigt für Wiesinger von der Uni Innsbruck jedoch lediglich, dass man sich im "Internet auch Zugriffszahlen kaufen kann".

Musik ist Trumpf

Satirische musikalische Bearbeitungen sind auf Youtube ein Hit, das Wiener Gesangsduo Christoph & Lollo gibt zudem im bewährten Jungschar-Stil eigens komponierte Wahlkampfhymnen zum Besten. Und erreicht damit Zugriffszahlen, von denen so manche Partei wohl nur träumen kann.

So lag die ÖVP am Dienstag bei 179.551 Aufrufen für 434 Videos, während die SPÖ, sofern man den Kanal auf Youtube findet, diese Angabe gar etwas verschönt verbirgt. Dabei wäre der SPÖ Videoclip zum Thema Bildung durchaus für das Medium gelungen, findet etwa Moderator und Videolehrer Florian Rudig, der gemeinsam mit Kabarettist Markus Koschuh und TT-Politikredakteurin Anita Heubacher die Youtube-Auftritte der Parteien und ihrer Spitzenkandidaten einer Schnellanalyse unterzogen hat.

Dafür wurde jeweils das Startvideo im offiziellen Youtube-Kanal sowie die Präsentation der jeweiligen Spitzenkandidaten bewertet. Dem Verhalten des typischen Internet-Nutzers entsprechend, haben die drei Experten keine aufwändige YouTube-Recherche betrieben, sondern ihre Schlüsse in möglichst kurzer Zeit gezogen.


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