Und plötzlich herrscht nach jahrzehntelanger Eiszeit Tauwetter

Die Ankurbelung der Beziehungen zwischen Teheran und Washington könnte sich als „Stabilisator“ für den Weltfrieden erweisen – glauben Diplomaten. Nur Israel warnt vor den süßen Worten Rohanis.

Von Arian Faal

New York - „Hoffnung“, „Tauwetter“, „Annäherung“, „Versöhnung“, „sensationell“ und „historisch“: Weltweit wurde die vorsichtige verbale Tuchfühlung bei der heurigen UNO-Generalversammlung in New York zwischen den Führungen Washingtons und Teherans mit diesen Attributen honoriert. Seit der Geiselnahme von 52 US-Bürgern in Teheran vor 34 Jahren unterhalten die beiden Länder keine diplomatischen Beziehungen.

Obwohl es nach den mit Spannung erwarteten Reden von US-Präsident Barack Obama und seinem iranischen Amtskollegen Hassan Rohani nicht zum kolportierten Handschlag zwischen den beiden Staatsmännern kam, schwebt doch über der gesamten UNO-Debatte die, wie es ein westlicher Diplomat bezeichnete, „ertragreiche Hoffnungswolke“ der Annäherung zwischen den beiden ehemaligen Erzrivalen als künftiger Stabilisator für den Weltfrieden. Am morgigen Donnerstag soll es ein Zusammentreffen zwischen den beiden Außenministern Mohammad Javad Zarif und John Kerry geben. Dies allein gilt als Meilenstein in den ramponierten Beziehungen.

Es fehlte auch nicht an kleinen Gesten, die Großes ankündigten: Die iranische Delegation zollte Washington Respekt und blieb bei der Obama-Rede im Saal, die US-Delegation tat es ihr gleich. Dies wäre unter Rohanis Vorgänger Mahmoud Ahmadinejad, der die letzten acht Jahre mit Hasstiraden gegen Israel und einer „no fear“- Politik gegenüber dem Westen die Aufmerksamkeit auf sich zog, undenkbar gewesen. Zuvor hatte Rohani den Amerikanern via CNN ausgerichtet, dass er hier sei, um „Frieden und Freundschaft von den Iranern“ zu übermitteln.

„Jahrelang liefen scharenweise Diplomaten aus dem Saal, wenn der iranische UNO-Beitrag startete, doch heuer wollte ihn niemand verpassen. Es war die am besten besuchte UNO-Rede. Die Zeiten haben sich geändert“, resümierte ein Diplomat gegenüber der APA. Dass Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu seine Vertreter in New York anwies, Teherans Rede abermals zu boykottieren, war selbst in Jerusalem nicht unumstritten.

Gerade jetzt sind die Vorzeichen für einen Neuanfang besonders gut: Im Iran wird seit der Wahl des 64-jährigen Rohani, der als „Scheich der Hoffnung“ gefeiert wird, ein anderer, fast sanfter politischer Wind. Dessen Marschrichtung lautet „Kooperation statt Konfrontation“.

Ankündigungen des Iran sollen Taten folgen

Nachdem Obama die versöhnlichen Gesten und Töne, die Rohani und sein Team in den vergangenen Wochen unentwegt verbreiteten, ausdrücklich lobte, dem Iran das Recht auf eine friedliche Nutzung der Atomtechnologie zusicherte und ihm bei seiner UNO-Rede zumindest verbal seine Hand ausgestreckt hat, soll der schiitische Gottesstaat nun die Gelegenheit bekommen, den Ankündigungen seriöse Taten folgen zu lassen.

Natürlich kann so eine Wiederbelebung der Beziehungen laut Obama nicht über Nacht erfolgen, denn das Misstrauen sei zu groß. Aber eine Lösung des Atomstreits rund um die umstrittene iranische Urananreicherung wäre schon ein Schritt in die richtige Richtung zur Wiederherstellung der Beziehungen.

Atomgespräche in New York

In den Atomkonflikt mit dem Iran scheint Bewegung zu kommen. Nach den versöhnlichen Reden von US-Präsident Barack Obama und seinem politischen Rivalen und iranischen Amtskollegen Hassan Rohani vor der UNO-Generalversammlung gibt es große Erwartungen vor den kommenden Gesprächsrunden zwischen dem Westen und Teheran in New York, Wien und Genf.

Am morgigen Donnerstag sollen die Außenminister der fünf UNO-Vetomächte (Frankreich, China, Großbritannien, Russland und die USA) plus Deutschland - kurz die 5+1 Gruppe - mit ihrem iranischen Amtskollegen Mohammad Javad Zarif am Rande der UNO-Generalversammlung in New York zu Gesprächen zusammenkommen, um über den weiteren Fahrplan für eine friedliche Lösung des seit zehn Jahren andauernden Konflikts zu beraten.

Obama hat seinen Außenminister John Kerry angewiesen, persönlich an den Gesprächen teilzunehmen. Damit werden erstmals seit 33 Jahren iranische und amerikanische Politiker die diplomatische Eiszeit beenden und auf einer derart hohen politischen Ebene an einem Tisch sitzen.

Einen Tag später gibt es bei der internationalen Atomenergiebehörde (IAEA/IAEO) die erste Runde von technischen Gesprächen zwischen der IAEA und dem Iran seit der Wahl der moderaten Pragmatikers Rohani im Juni. Im Oktober schließlich ist die nächste Sitzung zwischen der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton, die für die Sechsergruppe die Verhandlungen führt, und Zarif in Genf geplant.

Gespannt blickt die Welt also nach New York, wenn sich die Außenminister der fünf UNO-Vetomächte (Großbritannien, Frankreich, China, Russland und die USA) plus Deutschland voraussichtlich am Donnerstag am Rande der UNO-Generalversammlung mit Zarif zu einer weiteren Gesprächsrunde treffen.

Während Israels Führung die Rede Rohanis vor der UNO als „zynisch“ und „heuchlerisch“ bezeichnete, quittierten westliche Kreise die neue iranische Linie mit sehr viel Lob und Zuversicht. Im Gepäck muss Teheran nach der beruhigenden Rhetorik der Führung jetzt ernsthafte und handfeste Angebote haben, um das Vertrauen des Westens beim festgefahrenen Nuklearkonflikt möglichst bald mittels Vereinbarungen und Kontrollen wiederzugewinnen. (Arian Faal ist Mitarbeiter der Nachrichtenagentur APA)


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