Arbeitslosigkeit in Österreich in Wahrheit doppelt so hoch

Laut einer Studie der Denkfabrik Agenda Austria ist die Arbeitslosigkeit hierzulande doppelt so hoch wie die offiziellen Zahlen glauben lassen. Grund ist die „versteckte Arbeitslosigkeit“. Die Situation am heimischen Arbeitsmarkt ist laut den Experten jedoch trotzdem „nicht dramatisch“.

Wien – Nach einer neuen Studie des Think-Tank Agenda Austria scheint jeder zweite Arbeitslose in Österreich in der heimischen Statistik gemäß EU-Definition gar nicht auf. Zählt man diese Viertelmillion verborgenen Betroffenen dazu, hätte die Arbeitslosenrate im ersten Quartal statt der offiziellen 5,1 Prozent satte 10,3 Prozent ausgemacht. Am höchsten ist die „versteckte Arbeitslosigkeit“ mit 15 Prozent in der Altersgruppe von 55 bis 64, bei Frauen ist sie hier mit 20 Prozent deutlich massiver als bei Männern (11,4 Prozent).

Samt 250.000 Menschen, die nicht in der offiziellen Berechnung aufscheinen, gab es den Forschern zufolge in Österreich im ersten Quartal saisonbereinigt in Wahrheit rund 470.000 Arbeitslose statt der knapp 220.000, die laut EU-Kriterien vermeldet wurden. Errechnet haben dies Michael Christl und Denes Kucsera auf Basis von OECD-Daten mit einem ökonometrischen Modell. Dabei wird darauf abgestellt, wie viele Menschen in einer Hochkonjunktur arbeiten würden - also Personen, die grundsätzlich einen Arbeitswunsch haben, auch wenn sie nicht sofort verfügbar sind.

Ein großer Brocken entfällt dabei auf Menschen, die in Schulungen sitzen, sowie auf die unzähligen Frühpensionisten - in diesem Ausmaß EU-weit fast ein Unikum. Damit über 50-Jährige mehr Chancen auf einen neuen Job haben, sollten die Sozialabgaben gesenkt und der Kündigungsschutz gelockert werden, sagte Agenda-Austria-Leiter Franz Schellhorn am Mittwoch vor Journalisten.

Nur Platz vier in Europa

Legt man die versteckte Arbeitslosigkeit offen, so würde Österreich im EU-Ranking nicht mehr an der ersten Stelle liegen, sondern am viertbesten Platz, so die Experten. Im Prinzip gibt es in allen Ländern „hidden unemployed“, doch sind es etwa in Deutschland, Tschechien und Großbritannien relativ gesehen weniger, sodass uns diese drei Länder bei dieser laut Agenda Austria „ehrlicheren“ Betrachtung mit 7,0 sowie 8,2 und 10,2 Prozent überholen würden. Überrascht wurden die Experten über die in Belgien und Dänemark mit 15,6 und 14,5 Prozent recht hohe Arbeitslosenrate, zählt man offizielle und versteckte Betroffene zusammen.

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Trotz des „Rückfalls“ auf den vierten EU-Platz sei die Situation am heimischen Arbeitsmarkt auch nach Aufdeckung der verborgenen Arbeitslosigkeit nicht dramatisch. Österreich könne offenbar besonders geschickt mit der offiziellen Statistik umgehen und erkaufe sich seine gute Positionierung teuer mit Frühpensionierungen. So hat der Frühpensions-Run Mitte vorigen Jahrzehnts rund um die Pensionsreformen die verborgene Arbeitslosigkeit stark steigen lassen, zeitweise auf bis zu 300.000 Personen, während es am krisenbedingten Tiefpunkt 2008 lediglich 100.000 „Versteckte“ waren.

Klar zum Ausdruck kommt die Frühpensions-Problematik auch durch die in Österreich schon in der Gruppe 55-59 und dann nochmals ab 60 abrupt sinkenden Erwerbsquoten. Das gehe aber zu Lasten der aktiven Jahrgänge und vor allem der jüngeren Generation, warnt die Studie. Nicht jeder Frühpensionist könne freilich automatisch als verdeckter Arbeitsloser angesehen werden, betonte Christl.

Relativ heile Welt bei den Jungen

Bei jungen Menschen gibt es verborgene Arbeitslose kaum, haben die Experten von Agenda Austria auf Basis der OECD/ILO-Daten errechnet - da ist die Welt relativ heil. Von den 252.000 Menschen, die im 1. Quartal in diese Kategorie fielen, entfiel jeder Dritte - 81.000 - auf die Altersgruppe 55-64, aber nicht einmal 24.000 auf die 15- bis 24-jährigen. Für so junge Frauen nennt die Studie eine versteckte Arbeitslosenrate von 6,0 Prozent, für gleichaltrige Männer dagegen nur 1,0 Prozent. Auch in der nachfolgenden Altersgruppe (25-54) sind es bei Frauen nur 5,9 und bei Männern lediglich 2,3 Prozent, bei den ab 55-Jährigen aber wie erwähnt 20,0 bzw. 11,4 Prozent.

Die Statistik Austria nennt zusätzlich zu den offiziellen Arbeitslosen sogar 380.000 Personen mit einem Arbeitswunsch, die also einen Job suchen und in einer Hochkonjunktur auch arbeiten würden, sagten Christl und Schellhorn. Diese Zahl resultiere aus hochgerechneten Daten einer telefonischen Befragung durch die Statistik. (APA/tt.com)


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