Ein 100-Millionen-Ding aus den Südtiroler Bergen

Dem Wiener Regisseur Marvin Kren gelingt mit seinem „Blutgletscher“ ein aufregender Horrorthriller über die Folgen des Klimawandels.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Das Kinojahr 2013 war in Hollywood ein Jahr des Untergangs, der in aufwändigen Katastrophenfilmen beschworen wurde. Ohne die Comics-Ausflüge und vor allem ohne die erfolgreichen TV-Produktionen würde die Filmindustriemetropole Hollywood wohl bald einer anderen Industriestadt ähneln: Detroit, wo Autos produziert wurden, die niemand mehr kaufen wollte.

Die rentabelsten Filme des Jahres waren kleine Schocker, die jedes Blockbusterunternehmen in den Schatten stellten. Mit zwei Filmen führte James Wan die diesjährige Box-Office-Liste an. Sein „Conjuring“ kostete 20 Millionen Dollar und spielte 270 Millionen ein. 2004 eröffnete Wan die billige „Saw“-Serie, die ihn berühmt und reich machte. 2009 drehte Oren Pel­i für 15.000 Dollar mit einer Amateurausrüstung „Para­normal Activity“. Der Film spielte 200 Millionen Dollar ein und Peli arbeitet seither nur noch als Produzent. Weniger Glück hatten Daniel Myrick und Eduardo Sánchez mit „The Blair Witch Project“. Sie verkauften ihren No-Budget-Film über das Verschwinden von drei Filmstudenten für eine Million Dollar, während die Investoren 250 verdienten. Solche Filme sind natürlich kein Rezept gegen den Niedergang des Studiosystems und schon gar nicht für Vollbeschäftigung, sie enthalten jedoch Hinweise auf den Umgang mit Alltag und realer Welt eines Publikums, das sich in der Dunkelheit des Kinos seinen Ängsten ausliefern möchte, um sie anschließend mit einem Lacher abschütteln zu können.

Mit dem Budget für einen kleineren Fernsehfilm realisierte der Wiener Regisseur Marvin Kren nach seinem Zombiefilm „Rammbock“ in der Südtiroler Bergwelt seinen zweiten Film „Blutgletscher“, der nach einem 100-Millionen-Ding aussieht und sich im Kino auch so anfühlt.

Der reale Hintergrund, den Kren für seinen Horrorthriller als Auslöser des Grauens wählt, ist – rechtzeitig zur Debatt­e um den neuen Weltklima­bericht – der Klimawandel. Auf einer Forschungsstation beobachten Wissenschafter aus verschiedenen und gegenseitig verachteten Disziplinen das Zurückweichen eines Gletschers, der zu bluten begonnen hat. Die Station ist ein Spiegel der realen Politik, denn welche Daten sind der Umweltministerin (Brigitte Kren) zumutbar? Jane­k (Gerhard Liebmann) hat schon vor Jahren der Zivilisation den Rücken gekehrt und irritiert die Kollegen mit seiner Unterhose als Alltagskleidung. Der Stationsleiter sorgt sich um seinen Hund, der von einem Fuchs gebissen wurde. Aber die Tiere sind nur die ersten Opfer der rachedurstigen Natur, denn in der Bisswunde ist eine wissenschaftliche Sensation verborgen. Die DNA-Probe bestätigt eine Kreuzung von Assel und Fuchs als Verursacher. Die beunruhigende Entdeckung führt zur altägyptischen Gottheit Anubis, in der bereits Mensch und Schakal vereint waren und die nun als realistische Darstellung neu gedeutet werden muss. Der wütende Gletscher gibt weitere Monster frei, die wie „Alien“ zum Repertoire des Horror- und SF-Kinos gehören. Für das „Blutgletscher“-Budget gibt es natürlich nur schlappe Attrappen, die Wirkung des Grauens besorgt das ausgeklügelte Sounddesign.

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Am Ende grüßen Marvin Kren und sein Koautor Benjamin Hessler mit augenzwinkerndem Respekt einen anderen, 1967 ebenfalls in Südtirol gedrehten Film. In Roman Polanskis „Tanz der Vampire“ kommt das Böse mit einem Liebespaar in die Welt. Ohne zu viel über den Ausgang zu verraten: Polanskis Kutsche verwandelt sich bei Kren in einen Hubschrauber.


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