Sigmund Freud Düsentrieb

Birgit Minichmayr im Reiche René Polleschs: Uraufführung von „Cavalcade or Being a holy motor“.

Von Bernadette Lietzow

Wien –Düsenjäger, sprechende New Yorker Yellow Cabs, ein Graben voller bunter Bällchen, dazu der mitreißende Titelsong des Blaxploitation-Filmklassiker „Across 110th Street“: René Pollesch legt in seiner am Mittwoch am Wiener Akademietheater uraufgeführten Neuschöpfung „Cavalcade or Being a holy motor“ die bekannt kesse Sohle aufs Parkett.

So viel sei vorweggenommen: Das Premierenpublikum dankte es ihm, seinen Akteuren und Mitstreitern mit lang anhaltendem und mehr als wohlwollendem Applaus. Und so viel sei zudem gesagt: Genau weiß man nie, worauf man sich bei Pollesch einlässt (schon allein mangels der Möglichkeit, im Vorfeld Näheres über den Inhalt des jeweils neuen Werkes in Erfahrung zu bringen), und nach getaner Zuseher-Arbeit hatte man in jedem Fall eine Menge Spaß, begleitet von der leisen Frage: Woran denn eigentlich?

Für „Cavalcade“ ist dies klar zu beantworten und liegt in der Freude, der famosen Birgit Minichmayr beim lustvollen Wüten mit Polleschs philosophisch-psychologischen Rundumschlägen beizuwohnen. Dass Martin Wuttke schon über lange Jahre mit dem Autor und Regisseur zusammenarbeitet, ist unverkennbar und ebenfalls immer noch schön, vor allem des Schauspielers unvermittelt unruhige Komik. Gefreut hat man sich auf Ignaz Kirchners Pollesch-Debüt mit der vermeintlich sicheren Vorahnung einer gelungenen neuen und fruchtbringenden Bühnen-Partnerschaft. Leider scheint diese Rechnung nicht vollkommen aufgegangen zu sein und Kirchner muss sein Dasein eher als Stichwortgeber und sprichwörtliches drittes Rad am (Düsenjäger?) Wagen fristen, als dass seine ihm zugeteilte Rolle sich zur Person formieren darf.

Wie (fast) immer perfekt sind Bühne und Kostüme, so fallen Nina von Mechows Garderoben angenehm übersteuert elegant aus und Bert Neumann lässt das riesige Bühnenflugzeug vor einem leicht bizarr anmutenden Manhattan-Prospekt allerhand Stücke spielen. Glitzervorhang und das schon erwähnte Bällchenmeer, in das die Schauspieler immer wieder Slapstick-haft hineinfallen, komplettieren das gelungene ästhetische Erscheinungsbild dieses zeitlich kurzen, streckenweise jedoch als weitschweifig empfundenen Theaterabends.

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Entlang einiger Text- wie Personenzitate aus der 30er Jahre Screwball-Komödie „Leoparden küsst man nicht“ in Kombination mit Erkenntnissen der Freud’schen Psychoanalyse, Anleihen bei den Denkgerüsten eines Slavoj Žižek und allerlei Kalauern wird die Frage nach der subjektiven wie objektiven Wahrhaftigkeit von Gefühlen gestellt. Gemeint ist in erster Linie das sattsam bekannt komplexe Gefühl der Liebe, das in „Cavalcade“ Minichmayr und Wuttke als hysterisch-komisches, selbstbezogenes und schlussendlich gefühlskaltes Paar verhandeln. Kapitalismuskritik gibt es auch, zentral kreist René Polleschs ironischer Diskurs-Satellit jedoch um den populärpsychologischen und ideologisch nicht ungefährlichen Begriff des „toxischen Subjekts“, musikalisch kommentiert von Britney Spears „Toxic“. Das alles ist sehenswert, trotz gelegentlicher Langatmigkeit.


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