Soziologische Kunstblicke

14 Künstlerinnen und Künstler begeben sich in der Innsbrucker Taxisgalerie auf die Spur von „Fremd & Eigen“. Ihre Methoden sind unterschiedlich, die Ergebnisse ebenfalls.

Von Edith Schlocker

Innsbruck –Um die Erkundung des Fremden im Eigenen und umgekehrt geht es in der Ausstellung der 14 Künstler. Wobei sie sich in ihrer Annäherung an das Vertraute sowie Unvertraute der Methoden der Soziologie bzw. Anthropologie bedienen. Gehievt in den unterschiedlichsten Formen in den Kontext der Kunst. Da gibt es welche, die ihre teilweise speziell für die Schau entwickelten Arbeiten an Menschen festmachen, andere an speziellen Orten oder Gegenständen, während einige sich mit klassisch ethnografischem Blick an den Grenzen zwischen dem Fremden und dem Vertrauten entlangtasten.

Einer von diesen ist Mark Dion, der in seiner Installation „The Ethnographer at Home“ mittels Korbsessel, Plastikbaum, Koffer, Fotografien und Lupe jenes Ambiente von Völkerkundlern früherer Zeiten augenzwinkernd nachbaut, die aus der geschützten Situation des gelehrten Weißen die „primitiven Wilden“ erforscht haben. In einer zweiten Arbeit hat er Spielzeug der unterschiedlichsten Art in Gläser – wie man sie von anatomischen Sammlungen kennt – gelegt und in eine Vitrine gestellt. Wodurch der Hundeknochen, der Dildo und die Babyrassel zum fast wissenschaftlich anmutenden Objekt mutieren. Das an sich Vertraute zum Fremden wird.

In die Rolle des ihr Fremden versetzt sich Coco Fusco in ihren Performances, indem sie sich in einem goldenen Käfig klischeebesetzt als amerikanische Ureinwohnerin präsentiert, begafft von Groß und Klein. Schräg kommen die Fotografien von Carmen Dobre daher. Sie hat Mitglieder der weltweit verstreuten Gemeinschaft der Furries besucht, die teilweise nicht nur daheim in die Kostüme von Hunden, Katzen, Wölfen oder Ratten schlüpfen. Um sich – unzufrieden mit der eigenen – deren Identität anzueignen.

Einem wirklichen Wolf ist Sven Johne bei seiner nächtlichen „Wanderung durch die Lausitz“ gefolgt. Ohne einem solchen zu begegnen. Die mit einer Infrarotkamera aufgenommenen Bilder zeigen dafür einsame Wälder und verfallende Architekturen als trostlose Metapher für das Sterben eines sich entvölkernden Landstrichs.

Menschenleer, allerdings alles andere als trostlos, kommt Joachim Koesters Fotoserie „The Barker Ranch“ daher. Jenes idyllisch gelegene Haus, in dem sich Ende der 1960er-Jahre die Manson Family versteckt hat. Es verrät nichts von seinen mordenden Bewohnern, genauso wenig wie die biederen „Tatort-Häuser“, die Peter Piller sammelt.

In der Form eines Interviews, einer Zeitung und eines Films stellt Clemens von Wedemeyer die Beweiskraft der aus ethnologischen Untersuchungen gewonnenen Erkenntnisse radikal in Frage, indem am Ende der Betrachter überhaupt nicht mehr weiß, was echt und was falsch ist. Sehr echt sind die je drei Minuten langen Videoporträts von Martin Brand. Drei lange Minuten, in denen sich zwar in den Mienen der Porträtierten nur Minimales, aber Grundsätzliches tut. Die Blicke trotzig oder unsicher werden, einer der jungen Männer zu weinen beginnt.

Die Kluft zwischen dem Fremden im Eigenen wird in erfrischender Schrägheit in Anna Witts Video offenbar, das einen Rap-Wettkampf zwischen Münchner Ethnologen und Migranten dokumentiert. Dem Mysterium von Frauenhandtaschen ist Hans-Peter Feldmann auf der Spur, ohne es zu ergründen. Wie Dinge durch Kontext-Verschiebungen fremd werden, versucht Sofia Hultén aufzuzeigen. Gillian Wearing hat auf Londoner Straßen Menschen gebeten, spontan einen Gedanken aufzuschreiben. „I’m desperate“, notiert etwa ein junger Anzugträger, „I really love Regents Park“ eine ältere Frau. Und die Fotos der Nachkommen indigener Einwohner, die Tobias Zielony in Kanada fotografiert hat, erzählen eindrucksvoll vom Fremd-Sein im an sich Eigenen.

Speziell für die Taxisgalerie hat die Künstlergruppe FORT eine Arbeit gemacht. Wofür sie die Stirnwand der Hofhalle mit fünf Fenstern bestückt hat. Vor einem von diesen flattern Socken, in einem anderen steht ein Blumenstrauß. Einblicke verwehren Gardinen bzw. mehr oder weniger herabgezogene Jalousien. Die potenziellen Bewohner sind unsichtbar und bleiben somit dem Betrachter fremd.


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