Clinton bellt im Kaiserzimmer

„Gegenwelten“ von Jannis Kounellis, Guiseppe Penone, Valie Export, Esther Stocker u. v. a. in einem fruchtbaren Dialog mit historischem Ambiente und Bestand von Schloss Ambras.

Von Ivona Jelcic

Innsbruck –Wären da nicht die „Gegenwelten“-Hinweisschilder, man könnte das eine oder andere Objekt beim Vorbeiflanieren glatt für einen fixen Bestandteil der Kunst- und Wunderkammer halten: So scheinbar logisch fügt sich etwa Lois Weinbergers „Einhorn“ zwischen Nautilusgehäuse und Tödlein-Schrein. So wesensverwandt mit der historischen Weltvermessung und doch ganz in die freie Form entlassen wirken die „Weltabformungen“ von Marco Szedenik.

Gerade der sparsame und subtile Einsatz der zeitgenössischen Interventionen im historischen Bestand von Schloss Ambras macht auch ihren besonderen Reiz aus: weil auf dieser Entdeckungsreise durch die Zeiten mitunter auch Altbekanntes in neuem Licht erscheint. Das Forschungsprojekt „Gegenwelten“ der Universitäten Innsbruck und Hildesheim, an dem sieben Hochschulen und Forschungseinrichtungen beteiligt sind, spürt (auch in Tagungen, Workshops und Symposien) der Tendenz zur Abweichung von der wie auch immer verfassten Norm nach: Es geht um gesellschaftliche Gegenentwürfe, Neuformulierungen, Fluchtlinien, Brechung von Tabus – und schließlich auch um die Frage, wo in einer immer näher zusammenrückenden und disziplinierten Welt solche Gegenwelten noch entstehen. Jedenfalls die Kunst bietet einen reichen Fundus: Und in Ambras hat die Ausstellung zum Projekt einen idealen Ort gefunden, war es doch auch der Wunsch, die Welt in ihrer Gesamtheit darzustellen, der im 16. Jahrhundert der Einrichtung von Erzherzogs Ferdinands Kunst- und Wunderkammer von zugrunde lag.

Man kann mit diesem Vorhaben natürlich nur gründlich scheitern, weshalb das „Institut zur Aneignung und Nachhaltigkeit des Scheiterns“, vom Künstlerkollektiv a7 gleich eingangs als Büro installiert, hier gerade richtig ist. Und andeutet, dass die „Gegenwelten“ sich nicht allein auf die Kunstkammer als historischen Anknüpfungspunkt beziehen wollen. Die von Viola Vahrson und Christoph Bertsch kuratierte, hochkarätig bestückte Schau erstreckt sich über die gesamte Schlossanlage und zeigt Arbeiten von insgesamt 35 Künstlerinnen und Künstlern an manchmal überraschenden Orten oder an solchen, die wie für sie gemacht scheinen: Wie bei Kenneth Angers surrealem Wasserspiel-Film „Eaux d’artifice“ in der Bacchus-Grotte.

Ein bewegender „Totentanz“ aus Prothesen, Kriegstrommeln und verwaistem Schuhwerk ist Jannis Kounellis’ Installation in der Badestube im Hochschloss, Markus Schinwalds „Prothesen“-Porträts wiederum sorgen in der Porträtgalerie ziemlich raffiniert für Irritation. Und im Kaiserzimmer erklingt aus Dennis Graefs Hundehütten-Installation die Stimme von Bill Clinton, der sich zur Lewinsky-Affäre äußert: „To be in the Doghouse“ bedeutet soviel wie sich in einer Ehekrise befindend.

Auch mit geradezu ikonischen Arbeiten werden Innenwelten oder gesellschaftliche Gegenentwürfe vorgeführt: Valie Exports „Genitalpanik“ ist ebenso vertreten wie Giuseppe Penones Porträt mit verspiegelten Kontaktlinsen. Eine Entdeckung ist der Kolumbianer José Alejandro Restrepo mit einer Arbeit zur Kolonialgeschichte seiner Heimat, ein Beitrag zur sonst vollkommen ausgeblendeten „Gegenwelt“ der Jugendkulturen das Video von Jeremy Shaw. Und mit Adolf Wölfli ist auch ein Art Brut Künstler der ersten Stunde vertreten. In den Sonderausstellungsräumen, eröffnet mit einer wunderbaren „Raumzeichnung“ aus Baumwollfäden von Esther Stocker, ist die Schau allein auf die Gegenwartskunst konzentriert. In der überbordenden Fülle franst das „Gegenwelten“-Thema, das etwa im Dialog mit der Kunstkammer so gut funktioniert, allerdings ein wenig aus. Man darf es im „Archiv“ aber für sich selbst neu sortieren. Oder das legendäre Sindbad-Spiel von Paul von Rittinger bestaunen, das im Rahmen der Schau auch gespielt werden darf.


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