Ein Traum von Inklusion: Heim kämpft für Barrierenabbau

Der Leiter des großen Heims im Streitgespräch mit dem Bürgermeister der Tiroler Landgemeinde: Eine Debatte über Inklusion, Wünsche, Skepsis und Möglichkeiten, die mit zwei Angeboten endete.

Von Michaela Spirk-Paulmichl

Mils –Matthias Walter, Leiter des Sozialen Zentrums St. Josef in Mils, geht alles zu schleppend voran. Trotz zahlreicher Bemühungen von Seiten des Heims für Menschen mit Behinderung, auf die Menschen im Ort zuzugehen, gebe es noch zu viele Barrieren. „Wir organisieren Feste, Ausstellungen oder Basare, die Begegnung ermöglichen sollen. Unsere Klienten gehen beim Faschingsumzug mit und bei Prozessio­nen, sie helfen beim Dorffest und bei der Bachsäuberung.“ In Mils seien sie gerne gesehen, die Inte­gration funktioniere. Doch wenn es um den nächsten Schritt gehe – die Inklusion, also die Teilhabe an der Gesellschaft in vollem Umfang –, werde man von der Realität eingeholt.

„Drei Klienten von uns haben eine gemeinsame Wohnung in Mils und Umgebung gesucht, sie bekamen 25 Absagen!“ Erst nach einem Jahr wurden sie bei einem jungen Milser fündig. „Die vergessen sicher, den Herd abzuschalten“, habe es etwa geheißen, wie sich Angelika Heiß, eine der Klientinnen, erinnert. Andere hatten gemeint, mit „diesen Leuten“ nichts zu tun haben zu wollen. Ein weiteres, heikles Thema sei die Anstellung von Menschen mit Behinderung. Angelika Heiß musste fünf Praktika absolvieren – teils auch gratis –, bevor sie nach vielen Absagen in Innsbruck endlich eine Arbeitsstelle fand.

In diesem Bereich sollte die Gemeinde mit gutem Beispiel vorangehen, um die Betriebe im Ort zu ermutigen, sagt Matthias Walter und spricht damit direkt den Milser Bürgermeister Peter Hanser an, der ins Soziale Zentrum St. Josef gekommen ist, um über Möglichkeiten und Chancen zu diskutieren, aber auch um Grenzen von Inklusion aufzuzeigen. Ein Wort, das viele gar nicht kennen, ist er sich sicher. Es brauche noch viel Bewusstseinsänderung. „Ohne Integration wird es keine Inklusion geben, dabei handelt es sich um einen langwierigen Prozess.“ Die Gemeindevertreter hätten im Sozialausschuss bereits darüber nachgedacht, in welchen Bereichen Menschen mit Einschränkung beschäftigt werden könnten. „Wenn wir jemanden einstellen, muss das einen Sinn machen. Das darf dann keine Alibihandlung sein, der Betreffende braucht Führung.“

Dafür würde das Heim gerne zur Verfügung stehen, sagt Walter. Er verweist auf eine „vertane Chance“: Ursprüngliche Pläne des Bürgermeisters, in St. Josef die Poststelle anzusiedeln, scheiterten schließlich aus finanziellen Gründen. Hanser: „Ich habe als Bürgermeister Verantwortung, ich kann die Gemeinde nicht in ein finanzielles Abenteuer manövrieren.“ Dafür gebe es im Gemeinderat keine Mehrheit. Außerdem sei die vorgeschlagene Situierung der Poststelle im Hof des Heims nur „suboptimal“ gewesen.

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Walter entgegnet, dass es „mutige Schritte“ brauche, um Brücken zu bauen, Ängste und Vorurteile abzubauen. „Mils hat ein unglaubliches Potenzial, im Ort herrscht Aufbruchsstimmung. Warum sollte die Klimabündnisgemeinde nicht auch Österreichs Vorzeige-Inklusionsgemeinde werden?“

Dafür reiche es nicht aus, einen Mitarbeiter in der Gemeinde zu beschäftigen, dafür brauche es ein Konzept, so Bürgermeister Hanser. Im Vergleich mit der Situation vor 20 Jahren habe sich schon vieles geändert. Das 1898 gebaute Heim mit den inzwischen 145 Klienten an drei Standorten habe sich geöffnet, vieles wurde erreicht. „Es gibt kein Naserümpfen im Ort und keine Vorbehalte. Mils ist eine offene Gemeinde. Aber es gibt auch noch keinen Durchbruch.“ Dafür sei ein Meinungsbildungsprozess notwendig, die Sache müsse noch wachsen können.

Die Gemeinde plane derzeit unter Bürgerbeteiligung ein Seniorenheim für betreutes Wohnen. „Ich lade gerne das Soziale Zentrum ein, sich daran zu beteiligen, auch um ein Zeichen zu setzen.“ Heimleiter Walter nimmt die Einladung dankend an und hat gleich eine Idee: „Wie wäre es, einen Klienten von uns in den Empfangsräumen einzusetzen – damit Menschen in Begegnung treten können?“ Aber auch er kann mit einem Angebot an die Milser Bürger aufwarten: Dort, wo ursprünglich die Poststelle einziehen sollte, werde ein Begegnungscafé entstehen. „Ich glaube, dass die Menschen gerne dorthin kommen werden.“ Er sei jedenfalls zuversichtlich: „Mit kleinen Schritten werden wir vorankommen.“

Eine weitere niederschwellige Möglichkeit, zu sensibilisieren, sind für ihn außerdem die am Donnerstag startenden Filmtage, die bereits zum fünften Mal in St. Josef stattfinden. Jeder sei dazu eingeladen.


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