Erdogans Drei-Kind-Politik als Einfallstor für Armut

Die Schere zwischen Reich und Arm geht in der Türkei weiter auf. Über zwölf Millionen Türken leben unter der Armutsgrenze.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan.
© REUTERS/Umit Bektas

Von Andrea Sieder

Istanbul - Die Türkei galt jahrelang als „Tigerstaat“ unter den aufstrebenden Ökonomien und als Eldorado für ausländische Investoren. Die neoliberale Wirtschaftspolitik der AKP-Regierung hat die Schere zwischen Arm und Reich in der Bevölkerung nicht verringert. Kinderreichtum ist dabei eines der größten Armutsrisiken, zeigen Statistiken. Die Forderung Recep Tayyip Erdogans nach mindestens drei zu gebärenden Kindern pro Frau führt für viele direkt in die Armut.

Mehr als die Hälfte der Türken kämpfen ums finanzielle Überleben

Die Schere zwischen Arm und Reich in der Türkei ist in den vergangenen Jahren trotz Wirtschaftsbooms unverändert hoch geblieben. Die Einkommen des reichsten Fünftels der Bevölkerung lagen im Vorjahr um ein Achtfaches höher als die der ärmsten Einkommensschichten in der Türkei. Für mehr als die Hälfte der türkischen Bevölkerung gehört der finanzielle Überlebenskampf zum Alltag.

Laut der türkischen Zeitung Milliyet waren im August dieses Jahres 7,8 Millionen Menschen in der Türkei auf die sogenannte „Yesil-Kart“ angewiesen. Sie ermöglicht armen Familien die kostenlose Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen des Staates, da ihre Bezieher sich aufgrund zu geringer Einkommen keine Krankenversicherung leisten können.

Armutsrisiko der Familien gravierend gestiegen

Rund zwölf Millionen Menschen lebten 2012 in der Türkei weiterhin unter der Armutsgrenze. Analphabetismus, geringe Schulbildung und Kinderreichtum lässt das Armutsrisiko vor allem in den ländlichen Gebieten in die Höhe schnellen. Zwar haben sich die durchschnittlichen jährlichen Haushaltseinkommen seit 2009 statistisch gesehen deutlich erhöht, mit der Anzahl der Kinder steigt aber das Armutsrisiko der Familien gravierend.

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Südostanatolien bleibt weiterhin der Brennpunkt der Armut. Die vorrangig kurdischen Gebiete im Südosten haben mit 5870 Lira jährlich das niedrigste Durchschnittseinkommen pro Haushalt und eine der höchsten Geburtenraten in der Türkei. Im Vergleich betrug das äquivalente durchschnittliche Haushaltseinkommen einer türkischen Familie im Vorjahr laut dem staatlichen türkischen Statistikamt TUIK 11.859 Lira.

Kinder als Armutsverursacher

Nach aktuellen Berechnungen der türkischen Gewerkschaft Türk-Is lag die Grenze zum Überleben für eine vierköpfige Familie im September dieses Jahres aber bei 1032 Lira monatlich. Diese sogenannte „Hungergrenze“ ist der benötigte Minimalbetrag, um eine vierköpfige Familie zu ernähren. Die Armutsgrenze für eine vierköpfige Familie liegt mit 3361 Lira pro Monat ungleich höher.

Ungeachtet der Tatsache, dass ein Kindersegen für türkische Familien zur Armutsfalle gerät, setzt der türkische Ministerpräsident seinen ideologischen Propagandafeldzug für mehr Kinder fort. Erst im August hat Erdogan die Türkinnen neuerlich dazu aufgefordert, mindestens drei Kinder zu gebären. Zur Sicherung künftiger Pensionen drängt die staatliche türkische Sozialversicherungsanstalt SGK sogar auf fünf Kinder pro Familie.

(Andrea Sieder arbeitet für die Austria Presse Agentur)


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