Im Libanon kämpfen syrische Flüchtlingskinder ums Überleben

Der Bürgerkrieg in Syrien hat weitreichende Folgen - vor allem auch für die Zehntausenden Flüchtlingskinder. Für die meisten heißt es Arbeit statt Schule.

Jordanien braucht dringend Trinkwasser. Mit einem Kanal vom Roten ins Tote Meer und einer Trinkwasseraufbereitungsanlage soll das Problem in Angriff genommen werden.
© REUTERS

Von Sara Hussein

Damaskus/Beirut - Haithams Tag beginnt um 07.00 Uhr. Doch er geht nicht in die Schule wie andere 15-Jährige, stattdessen füllt der syrische Flüchtling die Regale in einem Beiruter Supermarkt. Als eines von Tausenden syrischen Kindern, die vor dem Bürgerkrieg aus ihrer Heimat geflohen sind, muss er arbeiten, um zu überleben. Während sich viele Jugendliche für ein paar Dollar als Schuhputzer betätigen, betteln die Mädchen, verkaufen Kaugummi oder Rosen. Wie viele kleine Syrer im Libanon arbeiten, ist unklar - viele von ihnen werden ausgebeutet oder missbraucht.

Zehn Stunden täglich ohne festen Lohn

Haitham arbeitet zehn Stunden am Tag ohne festen Lohn. Wenn er die Taschen von Kunden trägt, erhält er Trinkgelder, damit schlägt er sich durch. In Hörweite seines Chefs will er nicht klagen, doch später erzählt er mehr: „Hier zu arbeiten ist schrecklich, wir werden gedemütigt und beleidigt. Der Chef schlägt uns, die anderen Mitarbeiter schlagen uns, doch was sollen wir machen? Wir müssen das ertragen, damit wir weiter arbeiten können.“

Ich wünschte, ich könnte in die Schule gehen, doch dafür muss man frei sein, also muss ich das vorerst vergessen.
Haitham, 15-jähriger Flüchtling aus Syrien.

Haitham kam vor drei Monaten im Libanon an, seine Familie blieb verarmt in der Provinz Hasake im Nordosten Syriens zurück. Nun lebt er mit neun Verwandten in einem einzigen Zimmer eines verlassenen Gebäudes mit anderen Flüchtlingsfamilien.

Abir Abi Khalil vom UN-Kinderhilfswerk UNICEF kennt viele solcher Geschichten von Kindern. „Es hat beträchtliche Auswirkungen auf ihr psychologisches und soziales Wohl“, sagt die Kinderschutzbeauftragte. „Sie können ganz schlimm traumatisiert sein. Unter einer gewissen Altersgrenze sollten Kinder nicht arbeiten, ganz gleich aus welchen Gründen, und auf der Straße zu leben ist eine der schlimmsten Formen von Kinderarbeit“, sagt sie. Schließlich haben sie dort keinen Schutz vor körperlichem und sexuellem Missbrauch.

Förderunterricht für Flüchtlingskinder

Mehr als die Hälfte der im Libanon registrierten Flüchtlinge sind Kinder - rund 350.000 Menschen. Dazu kommen schätzungsweise 150.000 zusätzliche Flüchtlingskinder, die nirgends registriert sind.

Die örtliche Hilfsorganisation Mouvement Social hat im ärmlichen Beiruter Viertel Bursh Hammoud eine Art Schule für Flüchtlingskinder eingerichtet. Dort bekommen sie Förderunterricht, um nicht den Anschluss zu verlieren. Rund 600 Flüchtlingskinder aus dem Libanon und Syrien kommen pro Woche in das Zentrum. In einem Klassenzimmer ruft ein Lehrer die Kinder an die Tafel, um Englisch zu üben. „I miss Syria (Ich vermisse Syrien)“, schreibt ein Mädchen.

Rim, eine hübsche 15-Jährige mit schwarz-grünem Kopftuch, kommt aus der nordsyrischen Provinz Aleppo. Bevor sie mit der Schule anfing, arbeitete sie drei Monate in Kleidergeschäften. „In einem Geschäft beschuldigte mich der Chef des Diebstahls und bezahlte mich nicht. In einem anderen Geschäft kam der Besitzer und sagte, er wolle mich heiraten“, erzählt sie zitternd.

Geld verdienen statt Unterricht

Haitham kann sich den Unterrichtsbesuch nicht erlauben, weil er Geld verdienen muss. Wie viele andere Flüchtlingskinder vermisst er die Schule und träumt davon, zurück zu gehen. „Ich wünschte, ich könnte in die Schule gehen, doch dafür muss man frei sein, also muss ich das vorerst vergessen“, sagt er.

Was Haitham werden will, wenn er erwachsen ist? „Mein Traum ist es, dass eines Tages Leute für mich arbeiten werden, und nicht ich für sie arbeite, und immer gesagt bekomme, was ich machen muss“, betont er. „Ich will mein eigener Herr sein.“

(Sara Hussein arbeitet für die Nachrichtenagentur AFP.)


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