Das Outen von Krankheiten ist ein Drahtseilakt

Barbara Prammer machte ihre Krebserkrankung öffentlich. Es gibt für Prominente keinen Zwang, sich zu einer Krankheit zu bekennen, meist bringt es aber Respekt ein.

Von Alexandra Plank

Innsbruck –„Ja, ich habe Krebs.“ Mit diesen Worten bestätigte Nationalratspräsidentin Barbara Prammer am Dienstag, dass sie an Krebs erkrankt ist. Details ihrer Diagnose wollte sie aber nicht erläutern. Ihr Amt wird sie weiter ausüben. Diese Offenheit ist bei Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, keine Selbstverständlichkeit. Immer wieder erfährt es die Öffentlichkeit sehr spät, wenn Politiker im Amt erkranken.

Für den Politikberater Thomas Hofer war das Outing ein mutiger Schritt. Prammer habe damit so etwas wie eine Normalisierung im Umgang mit Krankheiten öffentlicher Personen bewirkt. In Österreich sei der Gesundheitszustand von Politikern lange tabuisiert worden. Hofer verweist etwa auf die Parkinson-Erkrankung von Ex-Außenminister Alois Mock, die bei den Verhandlungen zum EU-Beitritt Österreichs augenscheinlich wurde. Dass er krank ist, wurde von offizieller Seite nicht bestätigt, umso heftiger darüber aber in den Medien spekuliert.

Grundsätzlich habe die Bevölkerung ein gewisses Informationsrecht bezüglich der körperlichen und psychischen Befindlichkeit ihrer Vertreter, sagt Hofer. Das Outing einer Krankheit sei für Politiker aber immer eine Gratwanderung. Prammer habe die richtige Dosierung gewählt, sie habe die Öffentlichkeit informiert, aber ihre Krankheit nicht ausgeschlachtet. Der Politikberater verweist auch auf Auswüchse der Transparenz wie etwa im US-Wahlkampf, in dem die Kandidaten ihre Gesundheitsatteste öffentlich machten.

Etwas anders sei die Lage bei Menschen in wichtigen wirtschaftlichen Positionen. Im Fall von Apple-Gründer Steve­ Jobs haben die Märkte sofort reagiert (siehe oben). Andererseits bestehe bei Unternehmern nicht so ein Druck, an die Öffentlichkeit zu gehen, wie bei Politikern, die dem Wähler verpflichtet sind. Ein eigenes Kapitel sei der Sport. „Hier spielt die Leistungsfähigkeit eine entscheidende Rolle. Das wird verstärkt, weil durch Doping die Grenzen des Machbaren immer mehr ausgereizt werden“, so Hofer.

Er nennt aber auch ein positives Beispiel. Heuer hörte der Barcelona-Trainer Tito Vilanova aufgrund eines Rückfalls seiner schweren Krankheit auf. Als der Krebs ausgebrochen war, trennte sich der FC Barcelona nicht von seinem Coach, sondern hielt eisern zu ihm. „Ohne, dass es beabsichtigt war, hat diese Solidarität dem Fußballverein auf der Imageebene viel gebracht“, so Hofer. Ob Prominente sich outen, hänge viel vom Grad der Boulvardisierung der jeweiligen Medienlandschaft ab. In Österreich disqualifiziere sich ein Medium, das gegen einen Kranken mobilmacht, selbst. Ein Ausreißer war die Schlagzeile von Täglich Alles: „Hat Klestil Aids?“ In den angloamerikanischen Blättern werde nicht zimperlich mit Menschen umgegangen, die sich zu Krankheiten bekennen, so Hofer.


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