Das Gespenst Herrschaft

Erschrecken über die Nähe eines alten Textes: ein mit Ovationen für Andrea Breth und den neuen Dänenprinzen August Diehl bedachter „Hamlet“ an der Burg.

Von Bernadette Lietzow

Wien –Schiefergrau, gediegenes Mahagonibraun und grelles Uniformweiß sind gewissermaßen die Grundierung für Andrea Breths am Samstag im Burgtheater zur Premiere gebrachten „Hamlet“. Der mit einer kleinen Aufregung begann: trat doch vor Beginn der sechsstündigen Aufführung die Regisseurin vor den Vorhang, um auf das zeitweilige Hinken des Hauptdarstellers aufgrund einer schmerzhaften Fersenverletzung hinzuweisen. Die launige Bemerkung, mit dieser Ansage etwaigen Interpretationen entgegenzuwirken und nicht auch noch Richard III. zum Besten zu geben, erntete die Regisseurin dankbare Lacher des Publikums. Da beschirmte ein begeistertes Theaterfamilienoberhaupt die schutzbefohlenen Kinder, die es, wie in dem der Ansage folgenden Kunstwerk, mit einem unbeschwerten und sicheren Umgang mit Shakes­peares Tragödie dankten.

Zuallererst August Diehl, der damit ermächtigt wurde, das Publikum und wohl am meisten sich selbst seine Schmerzen vergessen zu lassen. Nach dieser nahezu ungekürzt auf die Übertragung durch August Wilhelm von Schlegel vertrauenden Inszenierung ist man, wie so oft bei Breths Arbeiten, beeindruckt von der Hingabe der Regisseurin an die ihr anvertrauten Stoffe. Wie kaum ein anderer zeitgenössischer Theatermensch setzt sie auf die Durchdringung vor allem klassischer Theatertexte und hat darin wahre Meisterschaft erreicht, ohne sich im Netz der eigenen Formensprache zu verfangen und berechenbar zu werden. Breth verortet ihr Wiener Helsingör im an die solide Ästhetik Marke Bonner Republik der 1960-er Jahre inklusive dänischen Design-Einsprengseln angelehnten Repräsentationsarchitektur, die Martin Zehetgruber kongenial auf der Drehbühne des Burgtheaters umgesetzt hat. Im Verein mit Moidele Bickels raffiniert schlichten Kostümen und begleitet von musikalischen Kommentaren eines Wolfgang Mitterer formt sich da alles zum bestechenden Bild.

Ein so großes Vorhaben gelingt jedoch erst mit denen, die Shakespeares so vieldeutigem und in Breths Herangehensweise eminent politischem Stück Gestalt verleihen. Wenn für diese Inszenierung schon der Begriff der Familie gefallen ist, so sollte man diesen noch um die Vokabel „harmonisch“ erweitern und von einer beeindruckenden Ensembleleistung sprechen – mit dem natürlichen Fokus auf den Hamlet des August Diehl. Ihm gelingt ein tragischer Dänenprinz ohne Weinerlichkeit, ein junger Mann, der sich der Unausweichlichkeit seines Schicksals und der Unmöglichkeit, für sich eine Form der „Rettung“ zu finden, bis zum eigenen Ende vollends bewusst ist. Roland Koch ist als sein Gegenspieler Claudius, Mörder des Vaters und neuer Gatte der Mutter, mehr Getriebener als Machtspieler und in dieser Relativität umso authentischer.

Dass Breth die Rolle der Ophelia aufspaltet in die unerfahrene, im Bann des Vaters stehende junge Frau (überzeugend: Wiebke Mollenhauer) und die dem Wahn verfallene Selbstmörderin, der Elisabeth Orth Züge einer dementen Alten verleiht, stellt eine interessante Abweichung vom Original dar. All die allzu bekannten Figuren – seien es die Totengräber, denen Hans-Michael Rehberg und Hans Dieter Knebel wunderbar Gestalt verleihen, die intriganten Hamlet-Freunde Rosenkranz und Güldenstern (Daniel Sträßer und Moritz Schulze) oder der bemerkenswerte Albrecht Abraham Schuch als Laertes und unglücklicher Sohn des Polonius, dessen Rolle Udo Samel mit fesselnder Vielschichtigkeit interpretiert – sie alle docken fast schockierend radikal am Heute an. Ein zu Recht bejubelter, großer Abend.


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