Über Saiten huschende Geister

Schwaz – „Es gibt viele Komponisten, die von der traditionellen Ausbildung kommen und die bewusst damit brechen wollen, aber es gibt auch Ko...

Schwaz –„Es gibt viele Komponisten, die von der traditionellen Ausbildung kommen und die bewusst damit brechen wollen, aber es gibt auch Komponisten, die einfach vom Hip-Hop oder von der Popmusik kommen, und die schaffen genauso gute Musik.“ Sagt die türkisch-österreichische Pianistin Seda Röder, die beim Klangspuren-Festival erstmals ihren Klavierzyklus „Black and White Statements – The Austrian Sound of Piano Today“ präsentierte. Zwölf Klavierminiaturen an teils präparierten Flügeln, hochvirtuos und still, witzig und kopflastig, tonal oder radikal, historischer Nachklang oder so frei wie möglich. Die Komponisten sind Essl, Karastoyanova-Hermentin, Huber, Klement, Kranebitter, Strobl, Doderer, Deutsch, Kerer, Ager, Grassl und Gál.

Das Röder-Zitat gilt auch für den neuen Klangspuren-Ton von Matthias Osterwold, der mit einem fulminanten Finale Samstagnacht sein erstes Programm beendete. Da hat das Motto „Neue Musik und romantisches Erbe“ Uraufführungen überzogen und eine Entwicklung beleuchtet, die mit romantischer Ästhetik infiltriert war – oder nicht. Auch das Gegenteil ist Programm. Eine Late Nite Lounge des Trios NoHome beendete im Innsbrucker p.m.k. das Festival avanciert, ausufernd, brachial. NoHome, das sind Caspar Brötzmann, E-Gitarre, Marino Pliakas, E-Bass und Michael Wertmüller an den Drums, die er ebenso grenzsprengend handhabt wie seine Kompositionen. Das sensationelle Quatuor Diotima hatte zuvor im Schwazer Silbersaal Wertmüllers erstes Streichquartett uraufgeführt, das mit dichten metrischen Überlagerungen in rasendem Tempo, unterbrochen von kurzem Atemholen, die Musiker auf das Äußerste fordert, den gespannten Zuhörer aber nicht außer Atem bringt.

Diesem unglaublich virtuosen Werk, das Wertmüllers Lust an Überforderung bereichert, hatte das Diotima-Quartett Schuberts g-Moll-Quartett kühl vorausgeschickt und hinreißend stimmig ein Schlüsselwerk Helmut Lachenmanns, den „Reigen seliger Geister“ von 1989. Die kurzen, scharfen Crescendi, in denen die Geister aufblinken, nahmen die Pariser Musiker mit in ihren analytischen Ansatz von Ludwig van Beethovens Streichquartett op. 130 inklusive der Großen Fuge, die ihrerseits seit bald 200 Jahren mit den Begriffen Freiheit und Überforderung durch Genie verbunden ist. Da gipfelte das Festspiel-Motto im Umkehrschluss: Schubert und Beethoven im Spiegel unserer Neuen Musik. (u. st.)

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