Der Wurzel des Glücks auf der Spur

Zaubermärchen mit Startschwierigkeiten: Ferdinand Raimunds „Der Bauer als Millionär“ hat die Schauspielsaison am Landestheater eröffnet.

Von Christiane Fasching

Innsbruck –„Zufriedenheit“ prangt in geschnörkelten Lettern über der Landestheaterbühne, die einer bunt ausgeleuchteten und magisch angehauchten Manege gleicht. Das Leben hat ja auch das Zeug zum halsbrecherischen Drahtseilakt oder zur aberwitzigen Zirkusnummer, manchmal ist es sogar beides zugleich. Bei Ferdinand Raimund hängt das Leben wiederum meist am Gängelband höherer Mächte, dreht sich das menschliche Schicksal wie das Fahnderl im Wind, bis (fast) alle happy ohne Ende sind. Oder zumindest so tun.

Mit Raimunds Zaubermärchen „Der Bauer als Millionär“ wurde am Samstag die Schauspielsaison am Großen Haus eingeläutet, Regisseur Thomas Krauß baut in seiner knapp zweieinhalbstündigen Inszenierung voll und ganz auf die Kraft des Originaltextes – und die Strahlkraft des Märchenhaften. Trotzdem dauert es ein wenig, bis sich die hochgehaltene Zufriedenheit breitmacht. Der initiale Ausflug ins fantastisch funkelnde Feenreich (ein Hoch auf Helfried Lauckners fabelhafte Bühne) wird nämlich von akustischen Problemchen getrübt, so mancher Dialog bleibt leise auf der Bühne hängen – schade. Dafür dringt der sonore Soundtrack von Frajo Köhle, der mit Stefan Laube und Kaspar Singer ein reizendes Live-Trio formiert, bis in die hintersten Ränge – und auch mitten ins Herz. In dieses muss man auch den Star der magischen Manege schließen: Unkitschig mimt Gerhard Kasal den glücklichen Bauern Fortunatus Wurzel, der über Nacht – und weil’s der Neid so will – zum „Millioneser“ wird und sogleich zum abgehobenen und trinkfreudigen Neureichen im güldenen Gehrock mutiert. Doch der Mantel des Wohlstands scheint ihn zu kneifen, dieses verflixte Geld macht Wurzel nicht glücklich, sein eingefrorenes Lächeln verrät ihn. Erst als er die Kohle verflucht und stattdessen mit Asche seine Brötchen verdient, wird er wieder mit der Zufriedenheit (Elke Hartmann) warm. Kasal ist ein wunderbarer Wurzel, vor allem, wenn er mit dem hohen Alter (Michael Arnold) Gicht-Gespräche führt, mit der an einem überdimensionalen Uhrenpendel baumelnden Jugend (Nikola Rudle) „Brüderlein fein“ anstimmt oder das rührselige „Aschenlied“ zum Besten gibt, für das er verdienten Zwischenapplaus abstaubt.

Je später der Abend, desto wunderbarer wird auch Krauß’ ideenreiche Inszenierung, die allerdings nicht von jedem Premierengast geschätzt wird: Nach der Pause bleibt so mancher Platz leer. Dabei geht’s jetzt erst so richtig los, wagt Krauß hier so manche Anspielung ans Heute – so darf Stefan Riedl als armer Fischer Karl „Herr der Ringe“ zitieren und Köhles Combo kurz das „Mission Impossible“-Thema anspielen. Der Neid (Stefan Riedl) und der Hass (Helmuth A. Häusler) schießen indes wie giftgrüne Comic-Superschurken aus der Tiefe, während die verstoßene Fee Lacrimosa (Ulrike Lasta) im goldenen Käfig gefangen und in ein Glitzerkleid gewandet (Kostüme: Michael D. Zimmermann) auf die Erde segelt. Kristoffer Nowak, der zwischen Feensohn Borax und Hass-Adjutant Tophan switcht, verbeißt sich knurrend sowohl in die Höllen- als auch die Himmelsboten – man möcht’ ihm dafür ein Leckerli spendieren. Grandios garstig gibt Janine Wegener die Fee der Widerwärtigkeit, weiß aber auch als eine von Wurzels Saufkumpanen zu überzeugen. Nikola Rudle bezaubert als naives und grundgutes Lottchen, das Liebe über Wohlstand stellt, süß ist sie auch als verspielte Jugend – nur beim Gesang sitzt nicht jeder Ton. Hans Danner amüsiert als ungarischer Zauber-Import Bustorius und als Amor in rosa Lederhose, der seine Liebespfeile blind verschießt. Dass Benjamin Schardt als patscherter und Pfälzisch schwätzender Möchtegern-Magier Ajaxerle im Sebastian-Vettel-Rennanzug anrauscht, ist ein Formel-1-Insiderwitz – löst magischerweise aber finale Zufriedenheit aus.


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