Schauspieler Walter Schmidinger gestorben

Walter Schmidinger starb in der Nacht auf Samstag im Alter von 80 Jahren. Der gebürtiger Linzer spielte nahezu sämtliche große Rollen an den wichtigsten deutschsprachigen Bühnen.

Berlin, Linz – Als einen „großen verrückten Geistesclown im Reigen der Bernhard‘schen Bühnenkünstler“ hat Intendant Claus Peymann den Schauspieler Walter Schmidinger zu dessen 80. Geburtstag am 28. April gewürdigt. Er sei „Alpenkönig und Menschenfeind zugleich, musikalisch und böse, intelligent und naiv, ein Wirrkopf und großer Denker, blitzgescheit, belesen und hochgebildet, ein schwieriger Mann und ein geliebtes Kind, ein Verrückter und wie Thomas Bernhard natürlich ein echter Österreicher, der alle und alles hasst und dennoch von allen geliebt werden möchte.“ Heute, Sonntag, hat das Berliner Ensemble, das seit 2003 die letzte Station in der langen Karriere des 2006 mit dem „Nestroy“-Preis für sein Lebenswerk ausgezeichneten Schauspielers war, den Tod Walter Schmidingers gemeldet.

Schmidinger wurde am 28. April 1933 in Linz geboren. Er arbeitete zunächst als Verkäufer und Dekorateur in einem Tuchwarengeschäft und spielte nebenbei an der Volkshochschule in einer Laientheatergruppe. Sein Talent fiel auf, und er bekam ein Stipendium für das Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Von dort wurde der Schüler Helene Thimigs ans Theater in der Josefstadt engagiert. 1954 ging er nach Bonn und danach ans Düsseldorfer Schauspielhaus. Als weitere Stationen seiner Bühnenkarriere folgten die Münchner Kammerspiele, die Schaubühne Berlin, das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg und Auftritte bei den Salzburger Festspielen und am Wiener Burgtheater. Dabei verkörperte der „Meister der leisen Töne“ nahezu sämtliche große Rollen der Theaterliteratur.

„Schmidinger wirkt immer wie ein Überraschungsgast auf der Bühne. Ihm ist alles zuzutrauen“, schrieb „FAZ“-Kritiker Gerhard Stadelmaier einmal in einem Porträt. Zu Schmidingers Repertoire gehörten die gebrochenen Seelen, die zerrissenen Charaktere, die Narren und die Liebenden. Große Erfolge feierte der Schauspieler, dem Werktreue wichtiger war als „die Sucht am Theater, um jeden Preis zu gefallen“, als Weinberl in Nestroys „Einen Jux will er sich machen“, als Malvolio in Shakespeares „Was ihr wollt“, als Leonce in Büchners „Leonce und Lena“ oder als Salieri in Peter Shaffers „Amadeus“. Vom Münchner Residenztheater verabschiedete sich Schmidinger 1984 unter großem Applaus in der Rolle des Shylock in Shakespeares „Kaufmann von Venedig“.

1985 Wechsel nach Berlin

1985 wechselte er von München nach Berlin, wo der Schauspieler bis 1993 am Schillertheater u.a. in den Titelrollen von Lessings „Nathan der Weise“, Hofmannsthals „Der Unbestechliche“ oder Shakespeares „König Lear“ auf der Bühne stand. Für seine Darstellung des „eingebildetsten Kranken aller Zeiten“ in der Uraufführung von Thomas Bernhards „Elisabeth II“ erhielt Schmidinger, der offen über seine eigene manisch-depressive Erkrankung sprach, grandiose Kritiken. Nach der Schließung des Schillertheaters Ende 1993 ging er 1995 trotz zahlreicher Angebote aus Wien an Thomas Langhoffs Deutsches Theater Berlin.

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Schmidinger, der als Schauspieler mit Regisseuren wie Peter Zadek, Klaus Michael Grüber, Robert Wilson, Luc Bondy und Ingmar Bergman zusammenarbeitete, hat auch selbst inszeniert. In Österreich, wo seine Auftritte eher selten waren, führte er 1995 am Wiener Volkstheater bei Ibsens „Hedda Gabler“ Regie. Auf der Bühne war er 1996 in Klaus Maria Brandauers Lehar-Inszenierung „Land des Lächelns“ und 2002 in dessen „Hamlet“-Inszenierung am Burgtheater zu sehen. Bei den Salzburger Festspielen spielte er an der Seite von Helmuth Lohner und Otto Schenk in der Regie von Peter Stein in Raimunds „Alpenkönig und Menschenfeind“. Weiters war er in Klaus Maria Brandauers Berliner Inszenierung der „Dreigroschenoper“ in der Rolle des Pastors Kimball zu sehen.

Auch Fernsehrollen seit Anfang der 70er

Seit Anfang der 70er-Jahre spielte Schmidinger auch immer wieder im Fernsehen. So übernahm er Gastrollen in „Tatort“, „Derrick“ und „Der Alte“. Auch an einigen Fernsehspielen (z.B. „Fast wie im richtigen Leben“, „Spiel im Schloß“, „Kir Royal“, „Opernball“) wirkte er mit. Im Kino begann seine Karriere 1973 mit einer kleinen Nebenrolle in Maximilian Schells „Der Fußgänger“. Es folgten eine Vielzahl von Filmrollen, bei denen er u.a. mit Maximilian Schell, Ingmar Bergman, Peter Schamoni und Istvan Szabo zusammenarbeitete. Hans Christian Schmids „Requiem“ lief 2005 im Programm der Berlinale.

2003 erschien im Alexander Verlag Berlin das Buch „Angst vor dem Glück“, in dem Walter Schmidinger in Gesprächen mit Stephan Suschke über sein Leben, seine Theaterarbeit und seine Auffassung von Theater erzählte. 2006 drehte Andrea Eckert einen Porträtfilm über ihn. Sein Titel: „... Mit den Zugvögeln fort...“ (APA)


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