„Ob es einen Denkzettel geben wird, das weiß ich nicht“

Egal ob vor der Kirche, im Kaffeehaus oder auf der Straße: Die Nationalratswahl im Allgemeinen – und Korruption im Speziellen - ist am Wahltag überall in Innsbruck ein Thema.

Ein Gruppe Kirchenbesucher diskutiert über die Nationalratswahl nach der Messe.
© Jan Hetfleisch

Von Jan Hetfleisch

Innsbruck – Es ist kein Tag, wie jeder andere. Das ist für jeden zu spüren, der heute unterwegs ist. Es ist Wahlsonntag, was scheinbar dafür ausreicht, dass in den Straßen der Landeshauptstadt mehr los ist, als an gewöhnlichen Sonntagen in Innsbruck üblich. Auch in so manchen Gastronomiebetrieben ist eine höhere Besucherfrequenz zu bemerken. Leute kommen von einem Wahllokal oder beginnen ihren Tag in einem Kaffeehaus, bevor sie sich der Qual der Wahl stellen.

An vielen Tischen ist die Nationalratswahl das bestimmende Thema. Und wenn man sich umhört, so findet man schnell heraus, dass fast jedem das Thema Korruption schwer im Magen liegt. „Wer will schon korrupte Politiker an der Spitze sehen“, meint Stefan (31) aus Innsbruck im Café Central gegenüber der TT. Er wird sein Kreuz auf dem großen A3-formatigen Zettel erst nach einer kurzen Dosis Koffein hinterlassen. Als Stammwähler einer konkreten Partei fühle er sich nicht. „Entscheidend ist für mich das Wahlprogramm. Ich schau mir an, welche Themen auch realistisch klingen und nicht nur Versprechen sind, die eh keiner einhalten kann“, meint Stefan.

Verwirrend für den politisch Interessierten war das doch sehr hohe Aufkommen neuer und junger Parteien. „Mir fehlt da etwas der Durchblick. Manche kann man bei ihren Wahlprogrammen nicht ernst nehmen. Und andere pickten sich einfach nur die thematischen Filetstücke der Großparteien heraus. Man kann das Rad nicht neu erfinden, aber etwas Kreativität könnte die eine oder andere Partei schon an den Tag legen.“ Stefan dreht sich um, wendet sich wieder seinen Freunden zu. Die Bürgerpflicht kann noch ein bisschen warten.

Jungwählerin Cathrin (16).
© Jan Hetfleisch

Vor dem Kirchgang zur Wahlurne

Schauplatzwechsel: Es ist kurz nach 11.30 Uhr, Menschen strömen aus der Pradler Kirche. Einige gehen direkt nach der Heiligen Messe in das Wahllokal in der Leitgeb-Schule nebenan. Andere bleiben vor der Kirche stehen und unterhalten sich. Eine kleine Gruppe ist dabei in eine Diskussion vertieft - es geht wieder um die Nationalratswahl. „Wir haben es doch gut. Warum soll man was ändern“, fragt Ernst (71) in die Runde und erntet nicht nur zustimmendes Kopfnicken.

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Widerspruch kommt von Elisabeth (62): „Es ist einfach alles zu starr in unserer politischen Landschaft. Es gehört wieder mehr Schwung hinein. Veränderungen kann es nicht von heute auf morgen geben. Von den großen Parteien kann man das aber nicht mehr erwarten. Darum finde ich es gut, wenn es mehr Parteien zur Auswahl gibt.“

Mit dieser Meinung sind die anderen nicht ganz einverstanden. Wenig Persönlichkeit hätten die Kandidaten, zu wenig wisse man über die Parteien und Programme und nicht zu vergessen - viele sind genauso korrupt, wie die anderen, so die Meinung in der Runde der Kirchgänger. Einstimmigkeit herrschen nur bei dem Thema „Wahlplakate“. „Wer wählt wegen eines aufgestellten Wahlplakats eine Partei?“, meint Antonia und regt sich über die massive Anzahl der aufgestellten Wahlwerbungen auf: „So viel Geld für Werbung ausgeben, die sicher nicht viel bringt? Mittel, die man sinnvoller einsetzen kann“, empört sie sich. Auch beim Thema „Jungwähler“ scheint Einigkeit am Kirchplatz zu herrschen. „Wählen sollte man erst ab 18 Jahren dürfen. 16-Jährige sind nicht reif genug dafür. Wenn, dann muss man auf darauf achten, dass die politische Bildung gefördert wird.“ Eine weit verbreitete Meinung, auf die man im Gespräch mit dem erwachsenen Wahlvolk oft stößt.

Jungwählerin mit politischer Bildung

„Ich kenne mich aus und weiß auch, wen ich wählen werde“, meint Cathrin, die mit ihrer Mutter vor dem Wahllokal steht. Vor wenigen Monaten ist die Schülerin 16 Jahre alt geworden und darf nun das erste Mal wählen. Von Politikverdrossenheit keine Spur. „Die Nationalratswahl war bei uns ein bestimmender Teil im Unterricht. Politiker kamen uns auch besuchen und wir konnten Fragen stellen. Ich fühle mich sehr gut informiert“, erklärt die 16-Jährige. Für sie sei das Wahlrecht wahrzunehmen, eine Pflicht: „Jeder kann mitbestimmen und das ist auch gut so. Diejenigen, die nicht wählen gegangen sind, dürfen sich dann auch nicht aufregen über den einen oder anderen Politiker, denn sie haben ihre Chance, in unserem Land mitzubestimmen, nicht genutzt.“

Christine und Helmut vor dem Wahllokal.
© Jan Hetfleisch

Kein Platz für Korruption

Während einige den jungen Wählern mit Misstrauen begegnen, beantworten Helmut (71) und seine Frau Christine (65) diese Frage ganz anders. „Junge Leute sollen ihre Chance nutzen und zur Wahl gehen“, sagen sie unisono. Für sie sollte die Politik aber mehr einräumen als nur das Wahlrecht, denn für Helmut sind Jugendarbeitslosigkeit und Perspektiven für die Jungen wichtige Themen, bei denen sie wirklich mitbestimmen dürfen sollen. „Unsere Jugend muss Chancen bekommen – etwa auch mit einer Lehre eine Karriere zu machen. Die jungen Menschen gehören gefördert. Bei vielen hat sich eine negative Stimmung breit gemacht, die es nicht geben darf. Sie haben mehr drauf, als wir uns vorstellen können. Das positive Denken fehlt aber, weil keine Perspektiven auf einen Aufstieg geschaffen werden“, ist Helmut überzeugt. Christine und Helmut bezeichnen sich selbst als „aktive Wahlgänger“ und verfolgten die Debatten im Wahlkampf genau mit. „Wie sind nicht bei allen Themen einer Meinung, und es gibt dann schon die eine oder andere hitzige Diskussion bei uns daheim. Aber im Großen und Ganzen sind wir dann doch einer Meinung“, meint Christine.

Dem Ehepaar sind die Wahlprogramme und die Persönlichkeit der Kandidaten sehr wichtig. Diese tragen einen wesentlichen Teil zu ihrer Wahlentscheidung bei. Doch auch die Korruption war für sie ein Thema und beeinflusste sie. „Ob es einen Denkzettel geben wird, weiß ich nicht. Aber Korruption sollte keinen Platz in Österreich haben“, ist Helmut der Meinung.

Nach dem Wahlgang beginnt für alle das gespannte Warten, das viele mit Kaffee und Kuchen, einem Besuch bei Freunden oder sonstige Freizeitaktivitäten verbringen. Doch der Abend dieses Wahlsonntags wird bei vielen Wählern ein sehr ähnliches Ende nehmen: Vor dem Fernseher, wenn die ersten Hochrechnungen veröffentlicht werden.


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