Daniel Ricciardo: „Auch Weltmeister machen Fehler“

Daniel Ricciardo gilt als der Aufsteiger des Jahres: Der Australier startet in der kommenden Saison für das Weltmeisterteam Red Bull. Mit der TT sprach er über Welpenschutz, Disco-Besuche und unerfüllte Träume.

Innsbruck – Wenn man im Fahrerlager der Formel 1 einen Sonnyboy sucht, dann ist man bei ihm genau richtig: Daniel Ricciardo. Der aktuelle Toro-Rosso-Pilot hat ein immer gut sichtbares Markenzeichen – sein Lächeln. Und das ist seit dem letzten Europa-Grand-Prix dieser Saison, in Monza, noch breiter geworden. Im Vorfeld gab das Weltmeisterteam Red Bull bekannt, dem 24-Jährigen in der kommenden Saison das Cockpit neben dem dreifachen Weltmeister Sebastian Vettel zu geben.

Der Australier selbst erfuhr die Neuigkeit am Telefon durch Red-Bull-Motorsportchef Helmut Marko: „Ich hatte das Handy die ganze Zeit neben mir liegen. Ich wusste, wenn die Neuigkeit kommt, dann werde ich angerufen. Irgendwann hat es dann tatsächlich geklingelt und mir wurde gesagt, ich soll nach Salzburg kommen. Ich habe gefragt: ‚Was soll ich da?‘ Und die Antwort war: ‚Wir haben gute Neuigkeiten für dich!‘ Jetzt bin ich hier – und es ist offiziell.“

Herr Ricciardo, vor dem Saisonstart haben Sie im Jänner in der Toro-Rosso-Fabrik in Faenza (ITA) über die Möglichkeit gesprochen, das zweite Red-Bull-Cockpit von Ihrem Landsmann Mark Webber zu bekommen. Sie behaupteten, Sie werden sich damit aber nicht beschäftigen. Hand aufs Herz: Wie oft haben Sie wirklich daran gedacht?

Daniel Ricciardo: Ich habe all die Monate wirklich nicht darüber nachgedacht, ganz ehrlich. Erst als Mark verkündet hat, dass er sich aus der Formel 1 in Richtung Porsche (Langstrecke Le-Mans-Team, Anm.) verabschieden werde, ging es mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe dann sehr oft an die gebotene Möglichkeit gedacht.

Daniel Ricciardo fährt 2014 für das Weltmeisterteam Red Bull: Wie oft mussten Sie sich bei dieser Schlagzeile zwicken?

Ricciardo: Das sind für mich natürlich großartige Nachrichten gewesen, ein ganz spannender Moment in meiner Karriere. Etwas, auf das ich hingearbeitet habe.

Es ist jetzt einige Wochen her, aber spüren Sie immer noch diese Euphorie?

Ricciardo: Ich bin immer noch sehr, sehr glücklich über die Neuigkeiten vor dem Monza-Grand-Prix. Aber ich würde es nach den vergangenen Wochen nicht mehr als Euphorie bezeichnen. Es fühlt sich mittlerweile in gewisser Weise fast normal an. Ich habe ja dafür hart gearbeitet. Das wird ein neuer Schritt, eine ganz neue Herausforderung für mich.

Ihr nächster Teamkollege wird der aktuell beste Formel-1-Pilot sein. Glauben Sie, dass Sebastian Vettel (GER) von Ihnen was lernen kann?

Ricciardo: (lacht) Das weiß ich nicht, das müssen Sie ihn fragen. Ich habe bald den besten Teamkollegen der Königsklasse und bin sicher, dass ich viel von ihm lernen kann.

Der Teamkollege ist der Erste, den es zu schlagen gilt. Wird das Ihr erstes Ziel in der kommenden Saison sein?

Ricciardo: Der Teamkollege ist immer die erste Person, mit der du dich als Erstes vergleichst. Aber generell ist es als Rennfahrer so, dass man auch jeden der restlichen 21 Formel-1-Piloten schlagen will.

Glauben Sie, dass Sie von Helmut Marko und Co. viel Raum und Zeit für Fehler bekommen werden. So eine Art „Welpenschutz“ im ersten Jahr?

Ricciardo: Red Bull wird mir die nötige Zeit geben, um mir die Möglichkeit zu geben, mich an alles zu gewöhnen. Das neue Team, die neuen Arbeitsabläufe – auch, wenn ich alles schon ein wenig kenne. Aber ich muss mich auch erst an den neuen Boliden gewöhnen. Alle Fahrer, sogar Weltmeister, machen hin und wieder Fehler. Darum ist es nicht so, dass einem „erlaubt“ wird, Fehler zu machen. Die passieren einfach.

Wenn man für ein Weltmeisterteam fährt, ist das ein zusätzlicher Druck?

Ricciardo: Ich würde es eher als Motivation bezeichnen. Ich meine, was ist das für eine großartige Möglichkeit für mich, einen Boliden zu pilotieren, mit dem man die Weltmeisterschaft gewinnen kann.

Bedeutet der Aufstieg auch einen zusätzlichen Motivationsschub für die restliche Saison, die Sie noch für Toro Rosso fahren?

Ricciardo: Motiviert ist man immer. Man muss die Bereitschaft mitbringen, immer das Beste aus allem herausholen zu wollen. Darum stellte die freudige Kunde keinen zusätzlichen Schub dar. Aber ich verdanke Toro Rosso sehr viel. Sie haben mir das alles ermöglicht und darum möchte ich so viele Punkte wie möglich in den restlichen sechs Grand Prix noch herausfahren und so aktiv helfen, die anvisierten Ziele zu erreichen.

Wer, glauben Sie, wird Ihr Nachfolger bei Toro Rosso werden?

Ricciardo: Das weiß ich nicht. Da müssen Sie mit dem Team sprechen.

Ihr Vater ist Australier, Ihre Mutter Italienerin – welches Land schlägt mehr bei Ihnen durch?

Ricciardo: Ich wurde in Australien geboren, bin dort aufgewachsen und habe meine Kindheit dort verbracht. Darum bin ich Australier und sehr stolz darauf. Sicherlich weiß ich um die italienische Seite und ich bin sehr froh, die auch in mir zu haben (lacht).

In den früheren Tagen hatten Sie den Spitznamen „Disco-Dan“. Erinnern Sie sich noch an Ihren letzten Disco-Besuch?

Ricciardo: (lacht) Sie nannten es die „Blue-Light-Disco“. Und es war der Ort, wo jeder 12-Jährige einfach hin wollte. Es war sehr nahe und für uns die schnellste Möglichkeit, eine Party zu erleben.

Drei Jahre Formel 1, zwei davon bei Toro Rosso, jetzt mit 24 Jahren der Red-Bull-Aufstieg: Gibt es in der Welt von Daniel Ricciardo überhaupt noch Wünsche?

Ricciardo: Natürlich, genügend! Ich stand noch nie auf einem Formel-1-Podium. Ich habe noch nie einen Grand Prix gewonnen. Und ich war noch nie der Weltmeister der Königsklasse.

Das Gespräch führte Daniel Suckert


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