Ärzte warnen vor Defizit bei Strahlentherapie in Österreich

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern mangelt es in Österreich deutlichen an Strahlentherapiekapazitäten. Die Ärztekammer schlägt Alarm.

Wien - Österreichs Krebspatienten könnten schlechtere Behandlungs- und Heilungschancen als Kranke mit solchen Leiden in vergleichbaren Ländern haben. Im Jänner dieses Jahres zeigte eine Vergleichsstudie in „Lancet-Oncology“ ein 19-prozentiges Defizit an Therapiekapazitäten. Heftige Kritik gab es am Montag bei einer Pressekonferenz der Österreichischen Ärztekammer, wo von einem „Entwicklungsland“ die Rede war.

Optimale Behandlung nicht für alle Patienten gewährleistet

Die in Europa mit 33 Staaten durchgeführte Vergleichsstudie hatte für Österreich einen deutlichen Mangel an Strahlentherapiekapazitäten ausgewiesen. Dabei werden international 40 Prozent der Heilungen bei Krebsleiden durch die Strahlentherapie erzielt. 50 Prozent der Krebspatienten sollen primär per Strahlentherapie versorgt werden, 25 Prozent kommen im Laufe ihrer Erkrankung dazu. Der Chef der Wiener Universitätsklinik für Strahlentherapie (MeUni Wien/AKH) sagte bei Erscheinen der Studie gegenüber der APA: „Da wird Mangelwirtschaft verwaltet. (...) Wir können aufgrund dieser zu geringen Gerätekapazitäten nicht allen Patienten die optimale Behandlung anbieten.“

In den 27 EU-Staaten, in Kroatien, Mazedonien, der Türkei, Island, Norwegen und der Schweiz stehen laut der Daten im Durchschnitt 5,3 Megavolt-Strahlen-Teletherapiegeräte pro Million Einwohner zur Verfügung. In Österreich sind es 5,1 pro Million Einwohner. In Deutschland, Italien und Frankreich sind es beispielsweise 6,5 (pro Million Einwohner), in Belgien 8,7, in Finnland 8,3, in Dänemark gar 9,7, in Schweden 8,2.

Die Österreichische Ärztekammer: „Bei der strahlenmedizinischen Versorgung ist Österreich ein Entwicklungsland. (...) Für eine Million Einwohner stehen hierzulande durchschnittlich fünf Linearbeschleuniger zur Verfügung, in Westeuropa sind es sieben. Während England und Dänemark in den vergangenen zehn Jahren die Zahl ihrer Geräte quasi verdoppelt haben, ist die Radioonkologie in Österreich von Rationierungen und Leistungseinschränkungen betroffen.“

Es existierten eindeutige Richtlinien des Österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG), so die Ärztekammer: „Auf eine Million Einwohner sollten etwa acht Linearbeschleuniger kommen, die für Patienten innerhalb von 90 Minuten erreichbar sein müssen. Das würde für Österreich mindestens 64 Geräte bedeuten. Tatsächlich haben wir aber nur 43.“ Es gebe auch ein starkes West-Ost-Gefälle.

„Gesundheitspolitik auf dem Kriegspfad gegen die Patienten“

Dr. Johannes Steinhart, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer: „Die Strahlentherapie ist ein besonders krasser Hinweis darauf, dass die Patienten hierzulande längst von jenen Rationierungen und Leistungseinschränkungen betroffen sind, vor denen die Österreichische Ärztekammer seit vielen Jahren und insbesondere im Zusammenhang mit der aktuellen Gesundheitsreform warnt.“ Es fehle an politischem Willen. Dahinter stecke auch ein Strukturproblem: Im Gegensatz zur Chemotherapie sei die Strahlentherapie nach der Leistungsorientierten Krankenanstalten-Finanzierung (LKF) nicht verrechenbar.

Hinzu kommt als Engpass der in Österreich vorangetriebene Abbau von Krankenhausbetten. Das treffe die radioonkologische Versorgung noch zusätzlich. Obwohl 80 Prozent dieser Behandlungen ambulant durchgeführt werden, gibt es auch Bedarf an Betten auf solchen Stationen. Steinhart: „Man ist ja auf dem gesundheitsreformerischen Ausgabensteigerungsdämpfungspfad. In Wahrheit aber ist die heimische Gesundheitspolitik hier auf dem Kriegspfad – und zwar gegen die Patienten.“

Laut dem Bundesfachgruppenobmann der Strahlentherapeuten, Robert Hawliczek (SMZ-Ost/Wien) „ignorieren“ die Spitalserhalter die Vorgaben des Österreichischen Strukturplan Gesundheit. Zwar wolle Wien die Zahl der Linearbeschleuniger um zwei auf 14 aufstocken. Damit wäre die Wiener Bevölkerung versorgt. Doch ein Drittel der Patienten käme aus Niederösterreich. Das habe man bei der Bedarfsberechnung nicht berücksichtigt. (APA)


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