Auf den Leib gerückt

Lucian Freud im Kreis der Alten Meister im Kunsthistorischen Museum Wien: übervolle Üppigkeit und das Frühwerk des englischen Malers und Sigmund-Freud-Enkels.

Von Ivona Jelcic

Wien –Ein Päuschen zu einem Song von Johnny Cash, wie er es an seinem letzten Tag im Atelier am 3. Juli 2011 einlegte, dürfte sich Lucian Freud auch zuvor schon ab und an gegönnt haben. Man kann sich nicht nur angesichts des Films „The Last Day of Painting“ von Freuds langjährigem Assistenten (und Modell) David Dawson durchaus vorstellen, wie sehr es schlaucht, den Menschen, Gesichtern, Körpern mit dem Pinsel derartig auf den Leib zu rücken, bis die Farbe körperlich, für Freud „Fleisch“ geworden ist. Das hat freilich auch technische Ursachen: U. a. das von Freud ab Mitte der 1970er Jahre verwendete Bleiweiß mit seinem hohen Bleioxid-Anteil sorgt für die verkrustet-körnigen, fast reliefartigen Oberflächen, die seine Akte und Porträts so unbarmherzig und zugleich empathisch offengelegt wirken lassen.

So auch beim Selbstporträt „Painter Working, Reflection“, gemalt 1993 vom damals bereits 70-jährigen Künstler. Oder bei „Benefits Supervisor Sleeping“, jenem Akt der Arbeitsamt-Angestellten Sue Tilley („Big Sue“), deren auf einem geblümten Sofa hingestreckte monumentale Fleischgebirge ebenso verstören wie stimulierend auf den Kunstmarkt wirkten: 2008 erzielte das Werk bei Christie‘s umgerechnet 21,7 Mio. Euro und wurde damit zum (inzwischen durch Gerhard Richter abgelösten) teuersten bei einer Auktion verkauften Werk eines lebenden Künstlers.

Lange hat sich Lucian Freud, Enkelsohn des Wiener Psychoanalytikers Sigmund Freud, einer Ausstellung in der Heimat seiner von den Nationalsozialisten vertriebenen bzw. deportierten Familie verwehrt. Freud im Kunsthistorischen Museum (und damit erstmals in Österreich) ist somit eines der Highlights dieses Ausstellungsherbstes, aber deshalb noch lange keine „Blockbuster“-Schau, wie Kurator Jasper Sharp betont. Zusammen mit dem Künstler, der bis kurz vor seinem Tod 2011 selbst an der Werkauswahl beteiligt war, hat man sich auf eine Auseinandersetzung mit der Bildtradition der Alten Meister verständigt. Das macht Sinn, ist doch Freuds Malerei stets zu eigensinnig „unmodern“ geblieben, um zeitgenössische Moden zu bedienen. Und zählten doch u. a. Tizian und Velásquez zu seinen Lieblingskünstlern.

Dicht an dicht, ganz so wie die Alten Meister, werden nun in der Gemäldegalerie zentrale Arbeiten des Hauptwerks präsentiert, gemalt, als der feine Zobelhaar-Pinsel längst gegen Schweineborsten ersetzt war. Das wirkt, nicht nur „Big Sues“ wegen, die auch für die Bandbreite der Freud‘schen Modelle von einfachen Arbeitern, Freunden und Nachbarn über Familienangehörige und Künstlerkollegen bis hin zur Queen steht, dann doch etwas beklemmend und auf sich selbst zurückgeworfen. Der Dialog gelingt besser anhand exemplarischer Beispiele, etwa Freuds Faszination für ägyptische Porträts, entzündet an der „Geschichte Ägyptens“ des Historikers J. H. Breasted und – so vermutet man – der Antikensammlung seines Großvaters Sigmund Freud. In „dessen“ Museum in der Berggasse 19 parallel Fotografien von David Dawson gezeigt werden.

Im KHM beginnt die Ausstellung über den auch ob seines schillernden Privatlebens berühmten Künstlers und Lebemanns Lucian Freud mit einem chronologischen Überblick: Ausgehend vom im Stil der Neuen Sachlichkeit gemalten Frühwerk der 1940er Jahre bis zu den zunehmend facettierten Porträts und Selbstporträts, Akten und Interieurs der 1960er, in denen die glatten Oberflächen und klaren Linien einem zunehmend expressiven Pinselstrich und pastosem Farbauftrag gewichen sind. Eigentlich war die Ausstellung in Kooperation mit dem Madrider Prado geplant, der sich jedoch wegen akuter Geldnöte im Zuge der Wirtschaftskrise zurückziehen musste. Sie versammelt nun ausschließlich in Wien 43 Arbeiten, entliehen aus internationalen Museen und Privatsammlungen (u. a. des Hollywood-Schauspielers Steve Martin). Womöglich zum letzten Mal für eine lange Zeit. Nach den zahlreichen Freud-Schauen der letzten Jahre seien die Leihgeber „müde geworden“, sagt Sharp.


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