Hollywood-Stars zum Einnehmen und Träumen

Ari Folman verknüpft in seinem neuen Film Stanislaw Lems SF-Roman „Der futurologische Kongress“ mit bedrohlichen Endzeitvisionen.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Mit „Waltz with Bashir” gelang dem Regisseur Ari Folman 2008 die Erfindung eines neuen Kinoformats, indem er die Mitglieder einer israelischen Kampfeinheit ihren Einsatz während des Libanonkrieges 1982 rekonstruieren ließ, um zu so etwas wie Wahrheit über ein Massaker zu gelangen, das von Soldaten ausgeführt, von Generälen befohlen und von Politikern gebilligt wurde. Das Grauen war nur erträglich, weil Folman die Erinnerungen als dokumentarischen Animationsfilm inszenierte. Der Erfolg des mit Preisen überhäuften Films ermöglichte ein größeres Budget für das Nachfolgeprojekt „Der Kongress“, verführte Folman aber dazu, die Welt, die Zukunft und das Elend der Spezies Mensch erklären zu wollen.

Die exzentrische Schauspielerin Robin Wright (Robin Wright), die mit ihren Kindern einen Hangar neben einem Flughafen bewohnt, zehrt von den Zinsen eines verblassenden Weltruhms. Sie könnte noch einmal große Kasse machen, wenn sie ihre Persönlichkeitsrechte an den Miramount-Studioboss Jeff (Danny Huston) überschreibt und künftig auf eigene künstlerische Aktivitäten verzichtet. Da sich das Kino in seiner traditionellen Form überlebt hat, haben nur noch digitalisierte Schauspieler eine Zukunft. Tom Cruise und Michelle Williams haben diesen Sprung bereits gewagt, also möchte sich auch Wright der Entwicklung nicht verschließen, wobei sie ihr Agent Al (Harvey Keitel) beim Einscannen zu emotionalen Höchstleistungen treibt. 20 Jahre später – der Film wechselt in den Animationsmodus zwischen dem halluzinogenen Beatles-Film „Yellow Submarine”, der Toon-Town aus „Roger Rabbit” und der Blumenwelt der Fantastischen Realisten aus Wien – wird Wright zur Vertragsverlängerung gebeten.

Beim Einchecken im Hotel Miramount sagt die Rezeptionistin, die Schauspielerin sei bereits die vierte Robin Wright. Marilyn Monroe, Michael Jackson, Diktatoren und Erlöser flanieren im Park. Auf den Flatscreens sind die aktuellen Filme des Superstars Robin zu sehen, aber demnächst werden Filme nicht mehr gesehen, sondern chemisch verabreicht. Miramount kontrolliert die Welt und wenn die vom Alter gezeichnete Schauspielerin den Nachfolgevertrag für weitere 20 Jahre unterzeichnet, wird die Traumwelt vollkommen sein, denn die Fans können mit der Traumfigur mittels Psychopharmaka buchstäblich verschmelzen – inklusive magischer Erotik. Diese Abkehr von der Wirklichkeit hat natürlich ihren Preis. Aus dem Hollywoodstudio ist ein Pharmakonzern, aus dem Kinovisionär Jeff ist ein Faschist geworden, der mit seinen schwarzen Horden die letzten Widerstandsgruppen in der Fantasiewelt bekämpft.

Stanislaw Lems Science-Fiction-Roman „Der futurologische Kongress“ wurde bei seinem Erscheinen 1971 auch als zarte Satire über das wunderbare Leben voller Täuschungen in den Arbeiter- und Bauernparadiesen des Ostblocks gelesen. Ari Folmans sehr freie Adaption ersetzt den Raumfahrer Tichy durch den Star Robin Wright, der schließlich den Verführungen der Droge gegenüber dem Elend der Wirklichkeit den Vorzug gibt. Dem Konzept für das Jahr 2033, den Staat durch einen Pharmakonzern zu ersetzen, um eine willenlose Gesellschaft zu kontrollieren, folgt Folman mit faszinierenden Bildern.

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