Mit zwei Sitzen zu den Alpenspitzen

Als Spannung versprechender Begleiter auf steilen Passstraßen empfiehlt sich der 380 PS starke Jaguar F-Type S.

Am Penser Joch ist dem umtriebigen F-Type S eine Pause vergönnt – Zeit, um Details zu begutachten wie das unauffällig fixierte Windschott, den Lederbezug und die ausfahrbaren Türöffner.
© TT/Höscheler

Von Markus Höscheler

Sterzing –Die klischeehafte britische Bescheidenheit erschließt sich gelegentlich erst auf den zweiten Blick. Anders ist der erste Eindruck, den der Jaguar F-Type beim Betrachter, beim Hörer und beim Fahrer hinterlässt. Schon am Abstellplatz verrenkt der Roadster Passantenhälse und beansprucht die Muskulatur unzähliger Augenpaare: Denen bietet sich eine langgezogene, vorne nach unten gebogene Motorhaube mit zahlreichen Sicken und zwei Luftöffnungen, schlank ausgeführte Frontscheinwerfer, ausgeprägte Seitenschweller und dynamisch geschwungene hintere Kotflügel sowie ein kantiger Heckabschluss mit sehr dünn gezeichneten Rückleuchten.

Nicht minder auffällig sind die beiden Auspuffendrohre, mittig ausgeführt, das kleine Schwarze – auch Stoffverdeck genannt – und die versteckten, automatisch ausfahrbaren Türöffner. Im Innenraum protzt der Zweisitzer mit hochwertigen Materialien, darunter üppigem Lederbezug und Edelstahl-Pedalerie. Komfort-, Klima- und Technikpakete ermöglichen den Genuss von Vorzügen wie einem Luftverwirbelungen unterdrückenden Windschott und der wärmenden Erfahrung mit einem beheizbaren Lenkrad.

Das Hauptqualitätsmerkmal des Volants lässt sich aber erst während der Fahrt feststellen: Die direkte Rückmeldung und die Präzision sind sportwagengerecht ausgelegt und wichtiger Bestandteil eines unvergesslichen Fahrerlebnisses. Zu diesem tragen weiters die im Durchschnitt eher straff ausgeführte Fahrwerksabstimmung (trotz mehrfacher Verstellbarkeit), die zackig schaltende Achtgangautomatik und das verzögerungsfreie Ansprechen des V6-Kompressorbenziners bei. Der Dreiliter-Motor geht so beherzt zur Sache, dass nicht nur die 20-Zoll-Hinterräder über 460 Newtonmeter maximales Drehmoment (ab 3500 Touren) jubeln dürfen, sondern die beiden Insassen sich an der Schallwellenausbreitung ergötzen können. Eine Soundtaste für die aktive Sportabgasanlage samt Klappensteuerung perfektionieren das Klangerlebnis.

Mögen die Soundeffekte eines Oscars würdig sein, lassen die Fahrtalente des F-Type die Stunt-Abteilungen sämtlicher Filmstudios aufschrecken: Energisch stürmt der 4,47 Meter lange, eng geschnittene Roadster bei kräftigem Gaspedaldruck nach vorn, willig nimmt er Lenkbefehle – wohl auch wegen des eingebauten Sperrdifferenzials – während des kurven- und kehrenreichen Ausflugs Richtung Penser Joch (2211 m hoch) entgegen und ambitioniert reagiert er auf dosiertes Bremsen. Zügig freundet sich der Fahrer mit dem dynamischen Briten an, lediglich die Bedienung des Multimediasystems samt Touchscreen auf der Mittelkonsole erfordert entschleunigte Momente. In solchen ist zudem das Betätigen des Stoffverdecks möglich: Bis zu einer Geschwindigkeit von 50 km/h lässt sich das Softtop innerhalb von zwölf Sekunden öffnen oder schließen.

Die Zahl zwölf ist zudem Bestandteil unseres erzielten Testverbrauchs: Die am Bordcomputer ausgewiesenen 12,2 Liter sind zum Teil den geografischen Gegebenheiten Nord- und Südtirols geschuldet und zum Teil dem in 4,9 Sekunden möglichen Sprint von null auf 100 km/h. Bescheidener ginge es zuwege, fiele die Wahl auf die 40 PS schwächere Basisvariante (ab 85.600 Euro). Doch im Vergleich zur mindestens 124.000 Euro teuren V8-Variante (495 PS) mutet selbst der mit vielen Extras versehene Testwagen angesichts des Anschaffungspreises von 116.404 Euro zurückhaltend an – sozusagen Bescheidenheit auf den zweiten Blick.


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