„Man wird nicht weiser, aber ruhiger, abgeklärter“

Als Politikwissenschafter und Wahlforscher zeigt Fritz Plasser auch im Sonntagsinterview, dass er kein Mann der verbalen Schnellschüsse ist. Dass es auch in der Pension nicht ganz ohne Politik geht, ist nicht verwunderlich. Zeit zum Saunieren, zum Träumen von der Wildheit des Atlantiks und zum Schlagzeugspielen bleibt dennoch.

Möglichst in allen Situationen ein objektiver Beobachter und Analytiker. Im Privaten ist aber auch er nicht immun gegen Emotionen.Fotos: Böhm
© thomas boehm

Sie wurden vergangene Woche von der Uni in die Pension verabschiedet, die Zelte in Innsbruck sind abgebrochen. Ich nehme dennoch an, dass Sie es sich künftig nicht nur im Liegestuhl gemütlich machen?

Fritz Plasser: Mit Vergnügen werde ich mich weiter der Politik widmen. U. a. sind einige Buchprojekte auf Schiene und da geht es primär – im Gegensatz zu meiner bisher natürlich wissenschaftlich orientierten Arbeit – darum, den Menschen verständlich zu erklären, wie sich unser Parteiensystem verändert hat und wie künftige innenpolitische Szenarien aussehen könnten.

Um Zukünftiges zu prognostizieren und Vergangenes zu analysieren, wie wichtig ist es für einen Politikwissenschafter, unter die Menschen zu gehen?

Plasser: Ich habe mich immer bemüht, mich von der Alltagsrealität nicht zu entfernen. Als begeisterter Saunagänger – der die Samstagnachmittage in Axams übrigens sehr vermissen wird – weiß ich, dass Saunen Kommunikationsräume sind. Ich habe diese Chance genützt und viel erfahren und gelernt, auch wenn ich nicht alles verstehe, was im Tiroler Dialekt gesprochen wird. Ein wichtiger Ort der Erfahrung war auch der Bus, mit dem ich in Innsbruck jeden Tag auf die Uni gefahren bin. Auch dort sitzt man Menschen gegenüber, die Entscheidungen treffen. Ich habe oft versucht, den politischen Eliten verständlich zu machen, wie wichtig es ist, sich damit zu beschäftigen, was die Menschen bewegt. Aber leider ist diese Empfehlung nicht immer angekommen.

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Dem Orakel von Delphi hat man gehuldigt, wie sehr schätzen die Bürger heute ein so umfassendes Wissen wie Ihres?

Plasser: Ich werde sehr oft auf der Straße von Unbekannten angesprochen. Da geht es nicht primär darum, dass sie wissen wollen, wie ich z. B. denke, dass eine Wahl ausgeht. Ich bin vielmehr so eine Art Postkasten für ihre Probleme und das, obwohl sie wissen, dass ich kein Politiker bin. Und zunehmend machen sich die Menschen über ihre unglaubliche Verärgerung über den politischen Betrieb Luft.

Wenn Sie nachdenken, gibt es da einen speziellen Ort, der Sie inspiriert?

Plasser: Reflexionsphasen habe ich vor allem im Arbeitszimmer in meiner Wiener Wohnung. Dort habe ich eine ziemlich große Bibliothek und ich schaue direkt durch das große Fenster auf den Arenbergpark.

Große Bibliothek, das sind wie viele Bücher?

Plasser: Rund 8000 Bücher. Aber es wäre vermessen zu sagen, dass ich alle gelesen habe. Manchmal ist es auch nur die reine Sammelleidenschaft, die mich treibt, ein Buch zu erstehen.

Wenn man sich so viele Jahre mit Politik beschäftigt, wie groß ist da die Gefahr, dass man die Erdung verliert?

Plasser: Wenn man so wie ich zehn Jahre lang intensivst mit politischen Strategen zu tun hatte und später mit Wissenschaftskollegen und Politikjournalisten, ist man gleich auf der Metaebene. Und auch wenn man jemanden trifft und über was ganz Normales reden will, ist man sofort wieder beim Thema. Gott sei Dank habe ich da meine Frau, die mich immer wieder einbremst und auch klar sagt, wenn sie nicht schon wieder über Politik mit mir reden mag. Ich werde also privat immer gut geerdet.

Angefangen hat ja alles als ÖVP-Stratege, wo Sie hinter die Polit-Bühne geblickt haben. Kann Politik süchtig machen?

Plasser: Wenn man in der Früh mit dem Gedanken aufsteht, wie es um das Image eines Politikers steht, ist das schon sehr speziell. Die Politik kreist dann permanent um einen, und das kann einen schon, ich will nicht sagen verschlingen, aber vom Leben der anderen Menschen entfernen. Aber das war für mich als junger Stratege natürlich auch eine Welt, die ungeheure Faszination hatte.

Wer mit Ihnen ein Interview führt, kann nicht überhören, dass Sie Ihre Worte genau abwägen. Ist es schwierig, sich immer selbst so stramm an die Leine zu nehmen?

Plasser: Als Politikwissenschafter ist man Beobachter, Analytiker und Erklärer. Um in allen Situationen einen möglichst objektiven Zugang und bei Wertungen ein Höchstmaß an Fairness zu zeigen, habe ich mir eine Art automatisches Filterprogramm geschaffen. Das wende ich im Privaten nicht an, da bin ich gegen Emotionen nicht immun und denke mir meinen Teil. Alles andere wäre ja auch roboterhaft. Dazu kommt das fortschreitende Berufs- und Lebensalter, das einen zwar nicht weise macht, aber ruhiger, reflektierter und durch die Erfahrung ein wenig abgeklärter.

Sie haben sich auch intensivst mit dem US-Wahlsystem auseinandergesetzt. Sind Sie ein USA-Fan?

Plasser: Fan würde ich nicht sagen. Ich bin in den Jahren viel kritischer geworden, aber das heißt nicht, dass ich nicht eine tiefe Zuneigung zum Land entwickelt habe. Ich bin verständlicherweise besonders Washington D.C. zugetan, weil ich dort ein Jahr an der Universität unterrichtet habe. Und ich liebe den Bundesstaat Maine, wo meine Frau studiert hat. Mich beeindruckt der Atlantik mit seiner Steilküste und der Brandung unglaublich. Es ist faszinierend, wenn einem im Spätherbst die Gischt um die Ohren spritzt und meine Frau ruft: „Geh nicht so nah an die Klippen!“

Vom schwarzen Tirol ins rote Wien, von den Bergen ins Flache. Es wird sich einiges ändern.

Plasser: Jein, es geht ja in meine eigentliche Heimat zurück. Ich habe mich immer als Wiener gesehen, aber danach kommt gleich Tirol, das mir sehr vertraut geworden ist. Wenn ich in Wien irgendwo in einem Lokal Tirolerisch höre, geht es mir einfach gut.

So gut wie damals beim Jazzspielen in New Orleans?

Plasser: Ja, es war sehr berührend, als Minister Töchterle die Trompete hervorgeholt hat und ich ihn am Schlagzeug begleiten durfte. Mit dem Schlagzeug verbinde ich meine Studentenzeit, wo ich mir als Mitglied des Vienna Charming Trio mit Barmusik ganz schön Geld verdient habe.


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