Die Wahl von Protest und Unzufriedenheit

Selbst unter den Wählern von SPÖ und ÖVP wünscht sich nur die Hälfte eine Neuauflage von Rot-Schwarz. Bei der EU-Wahl droht ein Proteststurm.

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Wien –Eines muss SPÖ-Chef Werner Faymann wissen, wenn er heute den Auftrag zur Regierungsbildung bekommt: Die rot-schwarze Koalition, deren Neuauflage er sich wünscht, hat bei den Wählerinnen und Wählern ausgedient. Laut Analysen des Politologen Fritz Plasser und des Sozialforschers Franz Sommer wünscht sich nicht einmal mehr jeder Dritte ein Fortsetzung dieser Zusammenarbeit.

Plasser, der seinen Befund gestern in Wien präsentierte, hat für SPÖ und ÖVP freilich auch eine tröstliche Nachricht: Seine Daten seien nicht als definitive Absage an Rot-Schwarz oder als Vorliebe für eine andere Koalition zu verstehen. Wenn Rot-Schwarz funktionieren soll, müssten SPÖ und ÖVP aber ein „multidimensionales Erneuerungsprojekt“ starten – trotz der EU-Wahl Mitte 2014, die schon in wenigen Monaten den nächsten bundesweiten Wahlkampf bringen wird.

Für Plasser und Sommer haben Ärger und Unzufriedenheit die Wahl bestimmt. Profitiert haben davon vor allem die Neos, deren Anhänger in einer Umfrage eine Woche vor der Wahl zu 71 Prozent gemeint hatten, ihre Entscheidung sei vom Ärger über andere Parteien bestimmt.

Nur die Wähler der Freiheitlichen waren ähnlich unzufrieden mit der Arbeit der bisherigen Koalition wie die Anhänger der Neos. Von ihrer eigenen Partei sind die Blau-Wähler dafür überzeugt: 68 Prozent sagten, die FPÖ spreche am häufigsten ihre persönlichen Probleme an.

Besonders schlecht schneidet bei dieser Auswertung die ÖVP ab: Nur 43 Prozent der Schwarz-Wähler fühlen sich mit ihren Sorgen von der Partei ernst genommen. Insgesamt laufen SPÖ und ÖVP laut Plasser „Gefahr, den Kontakt zur politischen Alltagsrealität zu verlieren“.

Einen Zusammenhang sieht Plasser auch zwischen Medienkonsum und Wahlverhalten. Wer „redaktionellen Populismus“ in Krone, Österreich und Heute möge, mache sein Kreuzerl bevorzugt bei SPÖ und FPÖ. ÖVP und Grüne seien in dieser Gruppe nur schwach vertreten.

Die nächste Protestwahl droht bei der Europawahl im Frühjahr 2014. Österreich sei neben Großbritannien mittlerweile das EU-skeptischste Land, berichtete Plasser – und lieferte gleich die Zahlen dazu: 51 Prozent der Befragten gaben an, die Einheitswährung Euro habe mehr Nach- als Vorteile gebracht. Nur 41 Prozent sehen den Nutzen. Ebenso unbeliebt sind die Bankenpakete und die Euro-Rettungsschirme. Zwei Drittel der Befragten lehnen die finanziellen Hilfen für Pleitestaaten ab. (sabl)


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