Bergbahnen im Großraum Innsbruck „nicht wettbewerbsfähig“

Ein düsteres Bild zeichnet die Bergbahnenstudie für den Großraum Innsbruck. Egal, ob Zusammenschluss oder Teilabbau: Hohe Abgänge bleiben. Kritik am Erfolg des Freizeittickets. „Brückenschlag“ als einzige Zukunftsoption?

Einzelkämpfer oder doch künftig eine Bahnen-Holding? Ein Gutachten soll die Optionen aufzeigen.
© Muttereralmbahn

Von Manfred Mitterwachauer

Innsbruck – Strikt aus betriebswirtschaftlicher Sicht räumte Roland Zegg, Geschäftsführer der Schweizer Beratungsfirma grischconsulta, gestern mit allen Bergbahnen im Großraum Innsbruck auf: Patscherkofel, Muttereralm, Axamer Lizum, Glungezer und Rangger Köpfl. „Auch zusammengeschlossen sind diese Skigebiete nicht wettbewerbsfähig.“ Ein Satz, der bei der Präsentation der im Auftrag von TVB und Stadt erstellten Studie „Investitionsstrategie und Masterplan Bergbahnen Innsbruck“ unter allen Anwesenden in dieser Klarheit für großes Staunen sorgte. Zegg stützt sich in seiner Analyse auf nichts Geringeres als jenes Zahlenmaterial, welches ihm die betreffenden Bahnen selbst zur Verfügung gestellt hatten. Ziel war und ist es, der Politik und den Eigentümern schonungslos den Ist-Stand und auch mögliche Zukunftsoptionen aufzuzeigen, die TT berichtete. Als Basis für weitere politische Entscheidungen.

Die Voraussetzungen seien schlecht, so Zegg: ein weltweiter Skimarkt, der stagniere, und ein Freizeitverhalten, das sich wandle. „Innsbruck und die Feriendörfer sind keine Skidestination mehr.“ Daher sei der lifttechnische Anlagenpark rund um Innsbruck „stark überdimensioniert“. Im Gegensatz dazu sei das Sommerpotenzial bei Weitem nicht ausgereizt. Hinzu komme der Erfolg der Ganzjahreskarte „Freizeitticket“, der „auf Kosten der Bahnen“ gehe, da die zu erzielenden Umsätze bei Weitem nicht ausreichen würden, die Infrastruktur zu erhalten. Immerhin 40 Prozent der so genannten „Erst­eintritte“, also die jeweiligen Kunden pro Tag, an den Anlagen im Winter erfolgen demnach mit einem Freizeitticket. Der Ertrag pro Ersteintritt liege im Winter bei nur 14 Euro – der österreichweite Schnitt liege bei 23 Euro. Erst ab da, so grischconsulta, fange ein wirtschaftlicher Erfolg an.

In Summe wurden sieben Zukunftsvarianten ausgearbeitet, zwei „offensive“ und fünf „defensive“. Ausgeklammert wurden dabei die Nordkettenbahnen, der Glungezer und das Rangger Köpfl. Erstere, weil sie laut Zegg als Ausflugsdestination bereits „klar positioniert“ und keinen größeren Investitionsbedarf aufweisen würde. Glungezer und Rangger Köpfl, weil sie die schlechteste Ist-Bewertung bekamen und daher „besser in ihrer heutigen Nische weiterarbeiten sollen – ohne Fusion und größere Investitionen“. Am besten der Glungezer im Sommerbetrieb (Zirbenweg) und das Rangger Köpfl für den Rodelbetrieb.

1 Für die restlichen Anlagen gelte grundsätzlich, dass die Option der Bewahrung des Status quo die teuerste sei. Sowohl für Betreiber als auch für die öffentliche Hand. 110 Mio. € würden hier in Summe an nötigen Investitionen in den kommenden zehn Jahren anstehen. Mit allen bekannten Nachteilen: schwache Positionierung, zunehmender Preiskampf, öffentliche Zuschüsse nach dem Gießkannenprinzip.

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2 Der offensive Ansatz baut im Kern auf den bereits geplanten Zusammenschluss der Verbindung der Muttereralmbahnen mit der Axamer Lizum, der Erhalt der Patscherkofel-Pendelbahn ist inkludiert und gliedert sich in folgende zwei Varianten:

2a Hier soll zusätzlich der Patscherkofel im Vollbetrieb erhalten bleiben. Der Investitionsbedarf (auf zehn Jahre gerechnet) läge bei 69 Mio. €, der prognostizierte jährliche Abgang bei 3,59 Mio. €.

2b Der Patscherkofel soll in diesem Modell im Winter nur im unteren Bereich betrieben werden. In logischer Konsequenz würde der Olympiaexpress-Sessellift stillgelegt und verkauft (möglich für 5 Mio. €). Investitionsbedarf: 64,8 Mio. €; Abgang Jahr: 2,64 Mio. €.

In den fünf defensiven Varianten wird der Zusammenschluss Mutters/Lizum NICHT vollzogen. Auch hier bleibt die Patscherkofel-Pendelbahn erhalten. Daraus resultieren folgende Modelle:

2c Der Winterbetrieb am Patscherkofel würde nur in der unteren Sektion erfolgen und eine „Desinvestition“ der im Verbund Muttereralmbahnen befindlichen Götzner Bahn empfohlen. Im Klartext: die Götzner Bahn würde demontiert und verkauft. Investitionsbedarf (auf zehn Jahre): 55,8 Mio. €; Abgang Jahr: 1,47 Mio. €.

2d Lediglich die Götzner Bahn müsste stillgelegt werden. Investitionsbedarf: 53,97 Mio. €; Abgang: 3,1 Mio. €.

2e In diesem Modell würde die Muttereralmbahn zur Gänze abgebaut. Investitionsbedarf: 47,78 Mio. €; Abgang: 2 Mio. €.

2f Die wohl dramatischste, aber kostengünstigste Variante würde die komplette Demontage der Axamer Lizum bedeuten. Investitionsbedarf: 16 Mio. €; Abgang: 352.900 Euro pro Jahr.

2g Hier sollte die Muttereralmbahn stillgelegt und der Patscherkofelbetrieb im Winter nur in der unteren Sektion erfolgen. Investitionsbedarf: 45 Mio. €; Abgangsprognose: 1,26 Mio. €.

Bei allen vorgelegten Varianten, so Studienautor Zegg, lägen die Refinanzierungsmöglichkeiten „weit unter dem Sollwert“. Das finanzielle Risiko sei bei 2a und 2b „sehr hoch“, zudem sei es „nicht nachhaltig realisierbar“. Auch die Schaffung von bis zu 10.000 Gästebetten im Mittelgebirge sei hierfür nötig. Modell 2c sei im Vergleich „betrieblich nachhaltiger“.

Als Alternative, so Zegg, sei der „Brückenschlag“, also die Verbindung von der Lizum in die Schlick über das Ruhegebiet der Kalkkögel im Auge zu behalten: „Das wäre ein Schwergewicht auf dem Markt.“ Und würde auch private Investoren anlocken. Ein Vorhaben, dem derzeit rechtlich eine Verordnung des Landes im Wege steht.

Noch gebe es keine Präferenzen, welche Variante anzustreben sei, sagt Innsbrucks BM Christine Oppitz-Plörer. Es gelte nun die Studie zu vertiefen und bis Mitte des nächsten Jahres bei allen Entscheidungsträgern zu einem einhelligen Kompromiss zu kommen.


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