Glorreiches Comeback des interaktiven Films

„Beyond: Two Souls“ lässt den Spieler am Leben von Jodie Holmes teilhaben, die untrennbar mit dem körperlosen Aiden verbunden ist. Das Spiel belebt den „interaktiven Film“ wieder – und das im Gegensatz zu den Vorläufern in atemberaubenden Bildern und grandioser Umsetzung.

Von Lukas Schwitzer

Innsbruck – Der Ausdruck „Interaktiver Film“ ist in der Videospiel-Branche nicht unbedingt positiv belegt. Besonders in den frühen 1990er-Jahren, mit dem ersten Siegeszug von Laserdiscs und anderen digitalen Speichermedien, wurden Spiele mit der Beteiligung echter Schauspieler und gewissem Einfluss auf den Verlauf der Geschichte populär, konnten aber nicht immer mit Qualität aufwarten. Was das französische Entwicklerstudio Quantic Dream nun mit „Beyond: Two Souls“ präsentiert, ist anders. Das Spiel erlaubt dem Spieler tatsächlich, die Hauptrolle in einem Film zu übernehmen, der auch im Kino nicht fehl am Platze wäre. Und tut dies mit atemberaubenden Bildern.

In den Hauptrollen: Ellen Page und Willem Dafoe

Der Spiele-Autor David Cage, bekannt für die Drehbücher der Story-intensiven Spiele „Fahrenheit“ und „Heavy Rain“, zeigt mit „Beyond: Two Souls“ erneut seine innovative Herangehensweise an das Medium Videospiel. Eine spannende und fantasievolle Geschichte, eindeutig für Erwachsene gedacht, präsentiert von einer großartigen Schauspieler-Riege rund um Ellen Page und Willem Dafoe, lässt den Spieler fast vergessen, dass er einen Controller in der Hand hält.

„Beyond“ ist die Geschichte von Jodie Holmes (Ellen Page), die seit ihrer Geburt untrennbar mit Aiden verbunden ist – einer körperlosen „Entität“, die als Jodies ständiger Begleiter und Beschützer fungiert. Kaum verwunderlich, dass das Phänomen die Aufmerksamkeit von Wissenschaftlern (darunter Willem Dafoe) und US-Regierung erregt, die Jodie unter ständiger Beobachtung halten. Durch Experimente soll herausgefunden werden, was es mit Aiden auf sich hat – und, vor allem, wie die übernatürlichen Fähigkeiten des stummen „Geists“ genutzt werden können.

Steuerung soll möglichst „intuitiv“ sein

Die Steuerung, die Quantic Dream für sein Prestige-Projekt entwickelt hat, ist, gelinde gesagt, unkonventionell. Die Knöpfe des Playstation-Controllers werden eher vernachlässigt, Aktionen setzt Jodie durch das Betätigen des rechten Joysticks. Im Bild tauchen dabei kleine weiße Kreise auf, die signalisieren, dass etwas benutzt werden kann. Darauf muss der Spieler den Joystick in eine Richtung bewegen, die die notwendige Bewegung des Charakters imitiert. Soll Jodie also geradeaus durch eine Tür gehen, muss der Spieler den Stick schlicht nach vorne drücken. Auch in Kämpfen gibt die Darstellung im Bild vor, welche Richtung gewählt werden muss, um einen Schlag zu setzen oder abzublocken. Besonders intuitiv soll die Steuerung dadurch werden, erläuterte Quantic Dream-Produzent Guillaume de Fondaumière im Rahmen der GameCity in Wien. „Der Spieler soll während des Spielens nur überlegen, was er tut, nicht, wie er es tut.“ Da das Studio sich erhofft, mit dem Spiel auch Nicht-Spieler anziehen zu können, wurde eigens eine Smartphone- und Tablet-Steuerung entwickelt, die es erlaubt, das gesamte Spiel mit nur einem Finger zu steuern.

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An vielen Stellen übernimmt man die Kontrolle über Jodies körperlosen Begleiter Aiden, der schwerelos durch Wände und Türen gleiten kann. Schwebende blaue Kugeln signalisieren dabei Gegenstände, die er in der realen Welt manipulieren kann. So kann er für Jodie nicht zugängliche Knöpfe aktivieren und Türen öffnen, aber auch Autos durch die Luft werfen, in andere Menschen einfahren oder Gegnern wortwörtlich die Luft zum Atmen nehmen. Besonders die willenlosen Sicherheitskräfte, die die Augen verdrehen und sich gegen ihre Kollegen einsetzen lassen, wirken dabei nicht nur einmal verstörend. Im Duo-Modus ist es auch möglich, die Steuerung von Aiden einer anderen Person zu überlassen, die dafür etwa ein Smartphone verwenden kann.

Das Versprechen von Quantic Dream, die verhassten, weil teilweise unfairen, Quick-Time Events (Aufforderungen, in bestimmter Abfolge bestimmte Knöpfe zu drücken) aus „Fahrenheit“ und „Heavy Rain“ seien für „Beyond“ komplett abgeschafft worden, entpuppt sich leider schon bald als Halbwahrheit. In actionreicheren Abschnitten wird wieder auf ähnliche Mechanismen zurückgegriffen, der Spieler muss wiederum den rechten Joystick schnell in gewisse Richtungen bewegen, um etwa über Abgründe zu springen oder fallenden Trümmern auszuweichen. Positiv dabei: Die Geschichte geht weiter, auch wenn die Reaktionsschnelligkeit des Spielers zu wünschen übrig lässt. Jodie stirbt im Spiel nicht, es gibt immer eine logische Fortsetzung der Handlung. Schafft sie es z.B. nicht, rechtzeitig aus einem brennenden Haus zu fliehen, folgt eine andere Zwischensequenz als beim Erfolg der Flucht. Dies soll vor allem Frust bei weniger erfahrenen Spielern vermeiden, für einige dürfte dies aber wenig herausfordernd wirken.

Echte Schauspieler, fast echte Gesichter

Grafisch darf „Beyond: Two Souls“ vor allem in Bezug auf die Gesichtsanimationen getrost als Meilenstein bezeichnet werden. Emotionen sind aus den Gesichtern klar abzulesen, auch die Haut wirkt realistisch und weist sogar kleinere Unreinheiten auf. Das verwendete „Full Performance Capturing“, bei dem die Schauspieler ihre Szenen in voller Motion-Capture-Ausrüstung durchspielen, erlaubt zudem überzeugende Darbietungen der Charaktere. Die Figuren wirken nicht einfach wie digitale Schöpfungen, sondern wie Menschen, die in einem Film von Schauspielern dargestellt werden. Schauspielerische Leistungen dieser Art gab es in der Gaming-Welt zuletzt im großartigen „L.A. Noire“ von 2011.

Die Handlung von „Beyond“ ist, wie von Autor David Cage gewohnt, ambitioniert, komplex und kompromisslos. Die Zeit ihres Lebens weitgehend isolierte Jodie hat Schwierigkeiten damit, ihre Emotionen im Zaum zu halten und die Kontrolle über den ebenso reizbaren Aiden zu behalten. Schon im Intro darf der Spieler die Nachwehen eines solchen Ausbruchs begutachten, die keineswegs hübsch sind. Das Spiel beinhaltet allerdings Szenen aus 15 Lebensjahren des ungewöhnlichen Mädchens, was eine enorme Weiterentwicklung des Charakters erlaubt. Durch die nicht-chronologische Anordnung dieser Abschnitte sind diese Entwicklungen noch deutlicher. Besonders, wenn der Spieler nach einer blutigen Episode mit der erwachsenen Jodie die Kontrolle über das Mädchen als kleines, verunsichertes Kind in einem Labor übernimmt, werden Beweggründe klarer und Ausbrüche verständlicher. Nur selten rutscht Cage dabei in emotionalen Momenten in leichten Kitsch ab.

Fazit

„Beyond: Two Souls“ ist das letzte große Werk des französischen Studios Quantic Dream für die Playstation 3 und schöpft deren Fähigkeiten fast zur Gänze aus. Atemberaubende Bilder, überzeugende Animationen und eine mitreißende Story verbinden sich zu einem Ganzen, das dem Titel einen Platz unter den besten Spielen des Jahres praktisch garantiert. Die Steuerung ist simpel und teilweise gewöhnungsbedürftig, erlaubt aber äußerst flüssige Bewegungsabläufe und stört nur selten durch Einblendungen im Bild. Ob man es wirklich schafft, auch Nicht-Spieler für „Beyond“ zu begeistern, wird wohl fraglich bleiben, ein Spiel zur Demonstration im Freundeskreis dürfte es aber trotzdem werden. Quantic Dream zeigt in jedem Fall, dass es auch Spiele geben kann, die von den vorherrschenden Standards am Gaming-Markt abweichen. Um es mit den Worten von Guillaume de Fondaumière zu sagen: „Es muss nicht jedes Spiel so sein, aber es wäre schön, wenn es mehr davon gäbe.“

Unsere Bewertung: 9/10

Entwickler:

Quantic Dream

Publisher:

Sony Computer Entertainment

„Beyond: Two Souls“

ist seit 8. Oktober für Playstation 3 erhältlich.

Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt von Sony über Ecker & Partner.


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