Früchte einer Verheiratung

Frauenkörper und -gesichter als variantenreiches Dauerthema des Übermalers Arnulf Rainer bei Thoman modern.

Von Ivona Jelcic

Innsbruck –Unbekannte Schönheiten, serienweise: gefunden auf erotischen Postkartenfotografien des 19. Jahrhunderts, als glamouröse 50er-Jahre-Diven auf Autogrammkarten, als Schlangenfrauen in grotesken Verrenkungen. Arnulf Rainers Archiv ist über Jahrzehnte gewachsen und dementsprechend umfangreich. „Und wenn mir eine gefällt“, sagt der heute 83-Jährige, „baue ich sie in die Arbeit ein.“

Auch das tut er bereits seit mehreren Jahrzehnten. Was etwa zur fast völlig hinter expressiven Farbgewittern verschwundenen „Gerupften Dame“ von 1979/89 führte, zum zeichnerisch mit Tusche umrahmten „Akt im Gewitter“ (1977) oder zu den jüngsten, titellosen Arbeiten, in denen Rainer vorgefundene Bilder mit einer Farblinse abfotografiert und – meist vergrößerte Details – mit Farbströmen und -schleiern überzieht. Das kommt weit weniger sexuell aufgeladen daher als etwa Zeitschriftenüberarbeitungen aus den 1970er Jahren. Rainers „körperlicher Zugriff“ auf Frauendarstellungen reiche von „expressiver Vergewaltigung zu distanzierter Verehrung“, konstatiert Peter Weiermair in der zur Ausstellung „Rainer und die Frauen“ im Snoeck Verlag erschienenen Anthologie.

Der Künstler selbst sieht freilich auch in den ekstatischsten Annäherungen keinesfalls Aggressivität, sondern vielmehr „Kommunikation und eine Art Verheiratung. Keine juristische, aber eine symbolische Verheiratung.“ Vollzogen wohlgemerkt aus der Distanz, die die Arbeit an vorgefundenem Bildmaterial bietet. „Rainer und die Frauen“ ist ein ergiebiges, vom Künstler immer wieder in Serien bearbeitetes Thema: Die Ausstellung versammelt noch nie gezeigte Arbeiten, darunter Fingermalereien auf Holz, Zeitschriftenüberarbeitungen und übermalte Fotoarbeiten aus den 1970er Jahren.

In den 1960er und 70er Jahren hat Arnulf Rainer in Selbstbemalungen auch die eigene „Körpersprache“ und in seinen „Face Farces“ die eigenen Ausdrucksmöglichkeiten künstlerisch beackert. An den von ihm gesammelten Frauenbildern, sowohl Porträts als auch Akten, ließe sich auch einiges über die Repräsentationsformen von Weiblichkeit ablesen – wobei den Künstler viel eher die konkrete malerische Aneignung des fotografischen Materials interessiert: provokant hervorgestrichen, verdeckt, fragmentiert, malträtiert, beschmutzt oder umschlungen durch variierende Gesten des Übermalens. Die mitunter Jahre dauern bzw. nach Jahren wieder aufgenommen werden können, wie vor allem die Serie „Frauensprache“, entstanden 1971/91, zeigt: „Ich schaue oft meine alten Bilder an und das Bild genügt mir nicht als Malerei. Dann arbeite ich noch einmal drüber“, sagt Rainer, der auch 83-jährig noch täglich ins Atelier geht, um „Bilder weiterzutreiben“. Oder an neuen Serien zu arbeiten, über die er aber nichts verraten mag, um nicht „die Lust daran zu verlieren“.

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