Gewalt ist bei Erziehung an der Tagesordnung

Im neuen Tiroler Kinder- und Jugendhilfegesetz ist auch das Gewaltverbot verankert. Nach wie vor orten Experten großen Handlungsbedarf.

Von Katharina Zierl

Innsbruck –„A g’sunde Watsch’n hat noch keinem geschadet. Die Kinder verstehen es nicht anders. Sie betteln ja richtig darum.“ Verharmlosende Darstellung von Gewalt gegen Kinder ist in Österreich nach wie vor gang und gäbe, sagt Tirols Kinder- und Jugendanwältin Elisabeth Harasser: „In unserer Gesellschaft wird Gewalt in der Erziehung immer noch akzeptiert. Sie ist in vielen Familien an der Tagesordnung. Daher ist es so wichtig, dass diese Problematik so oft wie möglich thematisiert wird.“

Im neuen Tiroler Kinder- und Jugendhilfegesetz ist das Gewaltverbot im Rahmen der UN-Kinderrechtskonvention verankert. „Studien belegen, dass in Österreich nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung weiß, dass es ein Gewaltverbot in der Erziehung überhaupt gibt“, sagt Soziallandesrätin Christine Baur. „Wir werden dieses wichtige Thema mittels Kampagnen verstärkt ins Bewusstsein rücken. Dabei geht es auch darum, Eltern aufzuzeigen, wie sie mit Überforderung umgehen können, ohne gewalttätig zu werden“, betont die Landesrätin.

Aber nicht nur die physische Gewalt gegen Kinder sollte thematisiert werden, sagt Harasser: „Auch mit psychischer Gewalt sind viele Kinder und Jugendliche regelmäßig konfrontiert.“ Würden Kinder beispielsweise entwürdigt oder beschimpft, habe das ebenfalls gravierende Auswirkungen auf ihre Entwicklung, gibt die Kinder- und Jugendanwältin zu bedenken. Man müsse den Kindern immer auf Augenhöhe begegnen. „Sie sind keine kleinen Erwachsenen, sondern haben ihre eigenen Persönlichkeiten und Bedürfnisse“, erklärt Harasser.

Auch die Verankerung der Schulsozialarbeit im neuen Gesetz war Landesrätin Baur ein Anliegen: „Sozialarbeiter können an Schulen Konfliktsituationen entschärfen und frühzeitig eingreifen.“ Harasse­r hält die Verstärkung dieses Angebots für wichtig: „Die Erfahrungen zeigen, wie positiv sich Schulsozialarbeit auf die Kinder auswirkt. Es können nie alle Probleme gelöst werden, aber in vielen Fällen kann die Deeskalation vor Ort Schlimmeres verhindern.“ Entscheidend sei, das Thema nicht nur in einem Gesetz zu verankern, sondern auch die nötigen finanziellen Mittel dafür aufzubringen, betont die Kinder- und Jugendanwältin. „Natürlich braucht es dafür mehr Geld. Dafür werden wir uns auch sicher einsetzen“, sagt Baur.

Das neue Gesetz wurde – erstmals in Tirol – fast ausschließlich in weiblicher Form verfasst. „Mir war wichtig, dass der Text geschlechtergerecht formuliert wird. Das ist ein wesentlicher Teil in der Gleichstellung“, begründet Baur.


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