Eine Wolke, die eigentlich ein Stück Tapete ist

„In Träumen versunken“ präsentiert sich der junge Tiroler Bildhauer Christoph Raitmayr in der Innsbrucker Galerie im Andechshof.

Von Edith Schlocker

Innsbruck –Er sei schon ein Träumer, gesteht Christoph Raitmayr, spricht man ihn auf den Titel seiner Schau in der Innsbrucker Galerie im Andechshof an, der „In Träumen versunken“ heißt. In solchen inneren Gefilden ist auch die junge Frau in Friedrich von Amerlings biedermeierlichem Porträt unterwegs, die der junge Tiroler Bildhauer in den Mittelpunkt seiner Rauminstallation stellt.

Sie ist die Fortsetzung jener „Heimatinsel“, mit der der 36-jährige Gironcoli-Schüler im vergangenen Jahr den RLB-Kunstpreis gewonnen hat. Aus gefundenen Fotografien von Menschen und Landschaften, dem Modell eines Hauses und eines Segelschiffs zu einem komplexen Erinnerungsraum gefügt, in dem es um das persönliche genauso wie um das kollektive Gedächtnis geht.

Eindeutig ist in Christoph Raitmayrs Kunst nichts. Jedes Detail ist von doppelbödiger Bedeutung, die vorgeführte Harmlosigkeit eine nur scheinbare. Auch in der Installation „In Träumen versunken“, die der Künstler auf einen niedrigen grauen Sockel mitten in die Andechsgalerie gestellt hat. Umhängt an drei Seiten von einem Wald kleiner Bildchen, die in schwarzer Umrahmung eine floral gemusterte schwarzweiße Tapete zeigen, wie sie in noblen barocken Salons üblich war.

Die Tapete als Versatzstück für Innenräumliches ist in Raitmayrs Art zu Sehen aber gleichzeitig auch als Wolke zu verstehen, als unbegrenzter Sehnsuchtsraum nicht nur für eine in biedermeierlicher Enge gefangene junge Frau, sondern als Metapher für Fluchten in romantische Idyllen, wie sie wohl jeder kennt.

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Raitmayr ist ein Künstler, der die Versatzstücke, aus denen er seine „Skulpturen“ baut, meist im Internet findet. Die geheimnisvoll aus dem Bild blickende Amerling-Schöne genauso wie die Fotos herbstlicher landschaftlicher Idyllen, die vergrößert und gerahmt genauso Teil der Installation sind wie eine im Verhältnis überdimensional daherkommende Parkbank und das Modell eines großen Herrenhauses. Die Geschichten, die der Anblick dieses Ensembles provoziert, muss der Betrachter erfinden. Denn wie die vom Künstler gemeinte lautet, verrät er ganz bewusst nicht.

Klar ist, dass es Raitmayr um ein ebenso ironisches wie raffiniertes Spiel mit Brüchen der unterschiedlichsten Art geht. Indem das sorgsam gemalte Biedermeierporträt zur „billigen“ Reproduktion mutiert, die Natur zu deren Fotografie, die Bank und das Haus zu deren aus Pappe fein säuberlich gebastelten Modellen. Verschoben sind genauso die realen Größenverhältnisse, Assoziationen mit Spielzeughaftem, Abbildungen in Warenhauskatalogen und Musealem drängen sich unwillkürlich auf, entzaubern die Vision vom privaten Idyll als Illusion.

„Entdeckt“ wurde Christoph Raitmayr bereits vor zehn Jahren von der international umtriebigen Wiener Galeristin Ursula Krinzinger. Als „Belohnung“ für den im vergangenen Jahr gewonnenen RLB-Kunstpreis zeigt das Tiroler Landesmuseum ab 25. Oktober eine Reihe seiner „Erinnerungsräume“.


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