Die Franziskaner verlassen Reutte

Provinzial Ruggenthaler lässt mit weitreichender Entscheidung aufhorchen – die Auflassung des Klosters. Historiker Richard Lipp spricht von einer „Bankrotterklärung“. Die Patres bleiben noch bis August 2014.

Von Helmut Mittermayr

Reutte –Eine Zeitenwende. Für gläubige Kirchgeher in der Marktgemeinde bleibt kein Stein auf dem anderen. Der Franziskanerorden, seit 1628 in Reutte tätig, verlässt den Ort. Das Kloster wird Ende August 2014 aufgelassen. Der Provinzial für Österreich und Südtirol, Oliver Ruggenthaler, teilte dies nun im Zuge seiner Visitationes dem Pfarrkirchen- und Pfarrgemeinderat von St. Anna mit. Die Betroffenheit ist groß. Kloster und Pfarre St. Anna empfinden die meisten Reuttener als untrennbar mit dem Markt verbunden.

„Der Grund für diese Entscheidung ist der immer drückender spürbare Personalmangel, das Älterwerden der im pastoralen Dienst tätigen Brüder und weitgehendes Ausbleiben neuer Berufungen“, sagt Ruggenthaler. Und weiter: „In den kommenden Wochen und Monaten intensiver Kommunikation gilt das gemeinsame Bemühen des Ordens, der Diözese, der Pfarre und der politischen Gemeinde vor allem der Vorbereitung einer verantwortbaren guten pastoralen Lösung für die Pfarre St. Anna im Hauptort des Außerferns.“ Am Donnerstag führte der Provinzial unter anderem Gespräche mit Bürgermeister Alois Oberer und Dekan Franz Neuner.

Derzeit leben im Reuttener Kloster nur noch drei Patres und der Gärtner – Pfarrer Pater Josef Hötter, die Kooperatoren Pater Alois Kitzbichler und Pater Johannes Nepomuk Unterberger sowie Laienbruder Franziskus Königs­eder – ob seiner stattlichen Erscheinung längst ein Reuttener Original und quasi das leibhaftige Abbild der Franziskaner. „Sie alle tragen die Entscheidung mit und verstehen, dass uns die tragfähigen Leute im Orden ausgehen“, erklärt der Provinzial. Es brauche im Orden auch noch letzte Freiräume für junge Mitbrüder, in der Berufungspastorale zu arbeiten. „Wir müssen einen Abschied setzen, solange wir das noch selbst können und nicht niedergehen“, stellt er trocken fest. Die Kapuziner hätten es vorgelebt und seien diese Tode schon gestorben.

Insgesamt ist Ruggenthaler in Österreich und Südtirol für 130 Ordensbrüder und 23 Niederlassungen zuständig. Hier wird es zu weiteren Schließungen kommen. „Wir müssen einfach schauen, wo wir noch gut wirken können. Da spielen auch Verträge, Bausubstanz, Renovierungen – viele Faktoren eine Rolle.“

Keinesfalls könnten Kloster, Kirche und der riesige Garten, ganz zentral in Reutte gelegen, nun als am freien Markt zu handelnde Immobilie verstanden werden. Schon durch das Kirchenrecht sei eine Veräußerung unmöglich, nicht aber eine Nutzung. Hier sei die Diözese erster Ansprechpartner. Dann aber auch gleich die Gemeinde, „die in ihrem Entwicklungskonzept Bedarf haben könnte“, denkt der Franziskanerprovinzial über das denkmalgeschützte Ensemble laut nach.

Für Reuttes Bürgermeister Alois Oberer ist eines in erster Linie wichtig: „Reutte muss eine selbstständige Pfarre mit eigenem Pfarrer bleiben. Der Bezirkshauptort kann nicht einfach irgendwo angeschlossen werden. Nur eine Mitbetreuung durch das Dekanat Breitenwang kann ich mir nicht vorstellen.“ Oberer wird sich dafür in den anstehenden Gesprächen mit der Diözese starkmachen. Über eine allfällige Nutzung müsse man sich Gedanken machen. Dafür sei es aber jetzt, am Tag des Bekanntwerdens, zu früh.

Einer, an dem diese Entwicklung nicht spurlos vorübergehen wird, ist Dekan Franz Neuner. Der Pfarrer von Breitenwang ist für die Seelsorgeräume im Außerfern bei dauernd sich verknappenden personellen Ressourcen zuständig. „Was gerade in Reutte passiert, wirft natürlich 1000 Fragen auf. Aber Breitenwang und Reutte werden künftig sicher viel enger zusammenarbeiten müssen, egal welche Form schließlich gefunden wird.“ Neuner spricht von der Möglichkeit eines Teilseelsorgeraums. Dass Reutte einen eigenen Pfarrer haben solle, mache Sinn. Ob es aber wirklich dazu komme, könne zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantwortet werden. Gespräche mit der Diözese würden Klarheit schaffen.

Der Reuttener Historiker Richard Lipp ist erbost: „Das ist eine Bankrotterklärung des Franziskanerordens. Warum wurde gerade Reutte, mit Schwaz und Innsbruck das älteste Kloster in der gesamten Provinz, zum Zusperren ausgesucht?“ Reutte ohne Franziskaner ist für ihn nicht vorstellbar. Sogar in der Nazizeit seien sie unbehelligt geblieben, weil sie von der Bevölkerung getragen wurden. Ehemals vom Betteln lebend hätten die Brüder ab 1945 auch die Seelsorge übernommen. 16 Franziskaner lebten im Regelfall im Kloster.


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