Alice Munro: Bauerstochter und Virtuosin der Momentaufnahme

Die 82-jährige Kanadierin gab im Juni bekannt, mit dem Schreiben aufhören zu wollen.

Die 82-jährige Kanadierin Alice Munro erhält den Literaturnobelpreis 2013.
© EPA

Stockholm, Ontario – Vielleicht reagiert ja die Königlich-Schwedische Akademie doch auf Druck. Mit Alice Munro wird heuer eine Schriftstellerin mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, die lange als Kandidatin gehandelt wurde und erst vor wenigen Monaten angekündigt hat, mit dem Schreiben aufhören zu wollen. Die 82 Jahre alte Kanadierin, die während ihrer langen Schriftstellerlaufbahn etwas mehr als ein Dutzend Bände mit Kurzgeschichten veröffentlicht hat, gilt mit ihren präzisen fiktionalen Momentaufnahmen als Virtuosin der minimalinvasiven Erzählmethode.

Und so bricht dieser Literaturnobelpreis auch erstmals eine Lanze für die vom Literaturbetrieb oft stiefmütterlich behandelte Kurzgeschichte, wie es auch in der knappen Begründung heißt: Munro werde als „master of the contemporary short story“ geehrt. Dass die kanadische Bauerstochter aus einfachsten Verhältnissen vor allem deshalb zu dem kurzen Format kam, weil sie neben dem Schreiben mehrere Kinder zu betreuen hatte, ist dabei angesichts ihrer oft zur „Frauenliteratur“ abgestempelten Werke ein nicht ganz unwesentliches Detail. Während ihrer ersten Schwangerschaft habe sie fieberhaft geschrieben, sagte sie einmal, weil sie befürchtete, nach der Geburt keine Zeit mehr zu haben.

Zu schreiben begonnen hatte Munro, am 10. Juli 1931 in Ontario geboren, bereits als Jugendliche. Ihr erster Erzählband „The Dimensions of a Shadow“ erschien 1950 noch während ihres Studiums und brachte ihre weite Anerkennung. Mit ihrem ersten Mann James Munro zog sie 1963 nach Victoria, wo die beiden den noch immer erfolgreich laufenden Buchladen „Munro‘ Books“ gründeten. Die Ehe, aus der vier Kinder hervorgingen, von denen jedoch eines kurz nach der Geburt starb, endete 1972 - Munro zog zurück in ihre Heimat Ontario, wo sie bis heute am Rande der kanadischen Seenlandschaft lebt. In dem Häuschen am Ufer des Lake Huron hatte ihr zweiter Mann, Gerald Fremlin, schon seine Kindheit verbracht. Im April diesen Jahres ist er gestorben.

Auf Deutsch sind zwölf Erzählbände erschienen

Auch viele ihrer Kurzgeschichten - auf Deutsch sind zwölf Bände erschienen, fast alle übersetzt von Heidi Zerning - spielen in dieser Gegend, in Huron County. Regional verankert, getragen von einer starken auktorialen Erzählstimme mit präzisem, subtilem Detailbewusstsein knüpft sie ganz nebenbei an große Traditionen an. Oft wurde sie mit Anton Tschechow verglichen, sie selbst lehnte dies stets ab. Der Glanz Tschechows sei höchstens mit jenem von Shakespeare zu vergleichen, sagt sie dann, wie sie sich von einem Literaturbetrieb, der auf Prominenz und Namedropping setzt, stets distanziert hat - und das, obwohl sie schon dreimal den kanadischen Buchpreis Governor General’s Award bekommen hat, außerdem den National Book Critics Circle Award und 2009 in London den Man Booker International Prize für ihr Lebenswerk.

„Kurze Romane“, keine „Kurzgeschichten“

Dass Munro „nur“ Kurzgeschichten schreibe, haben ihre Fans oft infrage gestellt - und in Bezug auf Gehalt und emotionale Tiefe ihrer Bücher lieber von „kurzen Romanen“ gesprochen. Sie überlege sich für jede Figur eine ganze Geschichte, weit über den kurzen Ausschnitt der Story hinaus, den sie erzählt, hatte Munro einmal bestätigt. Ihre zahlreichen - meist weiblichen - Protagonistinnen, wie sie in Bänden wie „Die Jupitermonde“, „Glaubst du, es war Liebe?“, „Die Liebe einer Frau“, „Tricks“, oder „Himmel und Hölle“ vorkommen, kämpften, zeitlich jeweils parallel zu Munros eigener Biografie, mit den Wirren des Erwachsenwerdens, mit dem Zurechtfinden zwischen schwierigen Jobs und noch schwierigeren Männern, oder mit dem Alleinsein im Alter.

Im Juni hatte Munro, sehr zum Entsetzen ihrer vielen treuen Fans, angekündigt, mit dem Schreiben aufzuhören. „Ich werde wahrscheinlich nicht mehr schreiben“, sagte sie in einem in einem Interview und zeigte sich mit diesem Entschluss „hocherfreut. Es ist nicht so, dass ich das Schreiben nicht geliebt habe, aber man kommt in eine Phase, wo man über sein Leben irgendwie anders denkt.“ Vielleicht kann ja der Literaturnobelpreis noch einmal eine neue, aktive Phase einleiten. (APA)


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