Experten diskutieren über ehemaliges Lager Reichenau

Das Stadtarchiv Innsbruck lädt zu einer Tagung, die sich mit dem Arbeitserziehungslager zwischen 1941 und 1945 auseinandersetzt.

Innsbruck –Eine grüne Tafel mit der Aufschrift „KZ Reichenau“ weist an der Kreuzung Langer Weg/Roßaugasse in Innsbruck in Richtung Recyclinghof. Dort erinnert ein Gedenkstein an ein dunkles Kapitel der Geschichte: Hier stand in den Jahren 1941 bis 1945 das NS-Auffang- und Arbeitserziehungslager Reichenau. Es diente der Disziplinierung und Ausbeutung von Zwangsarbeitern, der Inhaftierung politischer Gegner und als Durchgangslager für italienische Juden in die Konzentrationslager.

Seit einigen Monaten setzen sich Historiker und Experten intensiv mit der Geschichte des Lagers auseinander. Zuletzt wurde anhand alter Luftaufnahmen ein Abgleich mit dem aktuellen Stadtplan durchgeführt und so die genaue Situierung des Lagers festgestellt. Eine Erkenntnis der Recherchen ist, dass der Anfang der 70er-Jahre errichtete Gedenkstein strenggenommen am Standort des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers aufgestellt wurde. Diese und andere Unschärfen, wie etwa auch die grüne Tafel mit der nicht richtigen Bezeichung „KZ“, gelte es nun zu korrigieren, sind sich die Experten einig.

Das Interesse an der Geschichte des Areals ist aber nicht nur bei Historikern groß. Denn sowohl das Kriegsgefangenenlager als auch das Arbeitserziehungslager diente nach dem Krieg bis in die 1970er-Jahre hinein der Stadt als Unterkünfte für sozial schwache wohnungssuchende Personen. Zahlreiche ehemalige Bewohner dieser Siedlung besuchten im heurigen Frühling vier Film­abende, die die Geschichte des Arbeitslagers Reichenau zum Thema hatten.

Kommende Woche haben Interessierte die Gelegenheit, bei einer Tagung rund um das Thema Lager Reichenau zuzuhören und mitzudiskutieren. Veranstalter ist das Stadtarchiv Innsbruck in Zusammenarbeit mit der Stiftung Topographie des Terrors (Berlin) und dem Verein Gedenkdienst (Wien). Beginn ist am 17. Oktober um 10 Uhr im Sitzungssaal der Innsbrucker Immobilien Gesellschaft in der Roßaugasse 4. Der erste Teil (10.30 bis 13 Uhr) behandelt das Thema Zwangsarbeit und historische Forschung, ein zweiter Teil (13.30 bis 15 Uhr) setzt sich mit der Zwangsarbeit in Erinnerung und Vermittlung auseinander. In der Pause zwischen 15 und 16 Uhr findet eine Führung durch das ehemalige Lager­areal statt. Die Tagung endet mit einem Vortrag (in englischer Sprache) von Martin Dean vom United States Holocaust Memorial Museum.

Bereits am Vorabend, dem 16. Oktober, wird im Gemeindemuseum Absam noch einmal der Dokumentarfilm „Es ist besser, nicht zu viel um sich zu schauen“ über das Arbeitserziehungslager Reichenau gezeigt. Beginn ist um 20 Uhr. Der Eintritt zum Filmabend sowie zur Tagung ist frei. (np)


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