Europas Hendlhaxen für Afrika

Der Export von billigen Fleischresten von Europa nach Afrika ruiniert bereits die lokalen Märkte vor Ort.

Wien, Köln –In Afrika schlagen Hilfsorganisationen Alarm. Europas Geflügelindustrie hat im Vorjahr 1,5 Mio. Tonnen Hühnerfleisch auf den afrikanischen Kontinent exportiert, über 30 Prozent mehr als 2011. Die Exporte aus Deutschland haben sich auf 47.000 Tonnen mehr als verdoppelt.

Tiefgekühlte Hühnchenteile, die die Geflügelmastbetriebe in Europa nicht im Hochpreissegment absetzen können, werden zum Billigpreis quer über die halbe Welt verschifft.

Der mitteleuropäische Durchschnittskonsument kauft aus praktischen Gründen am liebsten Hendlbrust. Was übrig bleibt, vom Haxl bis zu den Innereien, muss möglichst gewinnbringend weg.

Die Entwicklungshilfe-Organisation „Brot für die Welt“ beobachtet den Trend überaus kritisch. „Überall dort, wo wir uns bemühen, eine unabhängige Lebensmittelproduktion aufzubauen, werden die Fleischexporte lokal zu einem großen Problem“, sagt Francisco Mari, Agrarhandelsexperte bei „Brot für die Welt“.

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Von Hilfe für die Armen könne man nicht sprechen. Auf vielen Märkten in Ghana sei das Geschäft mit Hühnern bereits völlig zusammengebrochen, berichtet Mari. Vor etwa fünf Jahren wurden etwa in der Hauptstadt Accra noch jeden Tag mehr als 3000 lebendige Hühner um umgerechnet sechs bis acht Euro pro Stück verkauft. Das Geschäft sei fast vollkommen zum Erliegen gekommen. Tiefgekühlte Importware wird in Accra bereits ab 1,50 Euro je Kilo verkauft.

Nicht nur Geflügelfarmer, Futtermittelhersteller und Schlachter stehen vor dem Ruin. Weil die Tiefkühlkette weder auf dem Schiff noch vor Ort lückenlos funktioniert, haben Salmonellen und andere Keime vor allem bei Kindern zu gesundheitlichen Problemen geführt. „Es ist auch aus ökologischer Sicht ein Wahnsinn, Fleischreste mit viel Aufwand nach Afrika zu transportieren“, kritisiert Simone Pott von der Welthungerhilfe.

Die heimische Geflügelmastbetriebe würden sich an den Afrika-Exporten nicht beteiligen, sagt Michael Wurzer, Geschäftsführer der Zentralen Arbeitsgemeinschaft der österreichischen Geflügelwirtschaft (ZAG), der TT.

„In Österreich beträgt die Selbstversorgungsquote beim Truthuhn 48 Prozent, beim Masthuhn knapp 90 Prozent“, erklärt Wurzer. Um die Nachfrage der Österreicher zu decken, müsse sogar Fleisch aus dem Ausland eingeführt werden. „Hühnerteile werden immer beliebter“, sagt Wurzer, dennoch könne das gesamte Tier hierzulande verwertet werden: „Da wird nichts nach Afrika entsorgt.“

Anders als in Österreich habe die deutsche Geflügelindustrie in den vergangenen Jahren stark expandiert und sich zunehmend auf den Export konzentriert. (bea, dpa)


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