Dunkelgraue Schatten der Vergangenheit

Dea Lohers beklemmendes Familiendrama „Am Schwarzen See“ wurde am Samstag als österreichische Erstaufführung in den Kammerspielen gezeigt.

Von Christiane Fasching

Innsbruck –Das Anfangsszenario von Dea Lohers Kammerspiel „Am Schwarzen See“ erinnert ein wenig an Yazmina Rezas Erfolgsstück „Gott des Gemetzels“: Zwei Ehepaare treffen aufeinander, tun so, als wäre alles in Ordnung und können doch nicht verbergen, dass die vermeintliche Idylle nur gespielt ist. Bei Reza sind es zwei ausgeschlagene Schneidezähne, die zwischen den beiden Pärchen stehen. Bei Loher ist es der Tod. Der Tod von Nina und Fritz – der Tochter von Else (Antje Weiser) und Johnny (Jan Schreiber), dem Sohn von Cleo (Sara Nunius) und Eddie (Jan-Hinnerk Arnke). Vier Jahre ist es her, dass die beiden Teenager den Freitod wählten, dass sie gemeinsam mit einem Boot auf den Schwarzen See hinausruderten, um dort – mit einem Freundschaftsband verbunden – aus dem Leben zu scheiden. Die Gründe dafür liegen bis heute im Unklaren, im Abschiedsbrief stand bloß: „WIR GEHEN JETZT. DAS HIER IST NICHT SCHÖN.“

Else und Johnny, Cleo und Eddie sind im Hier geblieben, haben ihr Leben weitergelebt. Schön war das nicht, schön wird es auch so schnell nicht mehr werden. Banker Johnny hat seinen Schmerz mit Arbeit betäubt und mit schnellen Affären. Denn Else, deren Herzleiden nach dem Verlust von Nina noch stärker wurde, ist körperlich zu keinem „richtigen Fick mit Emotion“ mehr in der Lage. Den Schwarzen See haben sie hinter sich gelassen, die dunkelgraue Erinnerung daran aber in ihren Umzugskartons mitgenommen. Für die Brauereibesitzer Eddie und Cleo war eine Flucht unmöglich – wer Schulden hat, ist nicht mobil. Während Eddie die Trauer und die Schuldgefühle mit permanenter Lustigkeit wettmachen will, zermartert sich Cleo mit Gedankenspielen den Kopf: Hätte Fritz Ja zum Leben gesagt, wenn sie aus ihrer verkorksten Ehe ausgebrochen wäre und ihrerseits Ja zu ihrer Affäre gesagt hätte? Eine von vielen Fragen, die ohne Antwort bleibt. „Und da waren wir allein. Allein zu viert“, erinnert sie sich an den Abend, der das Leben aller veränderte. Könnte man sich doch nur wegen zwei Schneidezähnen zanken ...

Dea Lohers Familiendrama, das in den Innsbrucker Kammerspielen als österreichische Erstaufführung gezeigt wird, ist beklemmend – und berührt in Stefan Maurers Inszenierung, die auf die Kraft des starken Textes baut, der in die verletzten Seelen der Protagonisten blicken lässt. Etliche Sätze hören unvermittelt auf – so wie das Leben von Nina und Fritz. Andere Sätze werden unzählige Male wiederholt – einem Stoßgebet gleich, das am Ende aber doch nichts nützt.

Das 90-minütige Kammerspiel ist in der kargen Wohnung (Bühne und Kostüme: Luis Graninger) von Eddie und Cleo angesiedelt, in dem einzig ein paar bunte Luftballons ein Gefühl von Gemütlichkeit vorgaukeln. Doch diese paar Farbtupfer können nicht über die allgegenwärtige Tristesse hinwegtäuschen – der Schwarze See ist überall. Den schweren Stoff setzt ein hervorragend besetztes Ensemble in Szene, das die Fassungslosigkeit mit Brüll-Tiraden zu bekämpfen versucht, streckenweise aber auch immer wieder in stummer Lethargie versinkt.

Antje Weiser überzeugt als hysterische Else, deren Herz gebrochen ist – und es wohl auch schon vor dem Tod der Tochter war. Jan Schreiber gibt schnörkellos den ausgebrannten Banker, der Nähe sucht und One-Night-Stands findet. Sara Nunius verleiht der nüchternen Checkerin Cleo ein spannendes Profil, während Jan-Hinnerk Arnke seinen Eddie als pseudolustigen Kasperl zeigt, der am Ende doch nur ein depressiver Clown ist.


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