Eines von 100 Unternehmen stirbt

Nach dem Lehman-Desaster von 2008 spielten die Finanzmärkte verrückt. Tirols Betriebe kamen aber relativ glimpflich durch die Krisenjahre. Die Zahl der Pleiten war zuletzt leicht rückläufig.

Von Markus Schramek

Innsbruck –Seit 20 Jahren leitet Walter Hintringer die Innsbrucker Niederlassung des Kreditschutzverbandes (KSV) von 1870. Er hat viele Unternehmen kommen gesehen und viele, die wieder verschwanden. Es gibt kaum jemanden im Land, der über vergleichbares Wissen darüber verfügt, wie gesund die Wirtschaft tatsächlich ist.

Der TT stand Hintringer für einen Fitness-Check der fast 40.000 Tiroler Betriebe zur Verfügung. Hier seine Einschätzung zu den wichtigsten Themenbereichen.

1Tirol und die Finanzkrise. Mit der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008 schlitterten die Finanzmärkte in die Krise. Tirols Wirtschaft kam relativ gut durch diese Zeit. Die Häufigkeit von Pleiten stieg anfangs leicht und ist seit 2010 rückläufig. Im Schnitt überlebt eines von 100 Tiroler Unternehmen nicht, die Insolvenzquote beträgt also rund ein Prozent. „Das ist der niedrigste Wert seit Jahrzehnten“, berichtet Hintringer.

2Tiroler Mischung. „Tirol verfügt über einen guten Mix verschiedener Branchen“, sagt der KSV-Chef. Zum einen sei der Tourismusanteil mit Abstand der größte Österreichs, was sich mit ständig neuen Nächtigungsrekorden positiv auf des Gesamtergebnis ausgewirkt habe.

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Doch dürfe man Tirol wirtschaftlich nicht auf den Tourismus reduzieren. Auch das Gewerbe und die Industrie mit ihrem gewachsenen Exportanteil würden viel zur Wirtschaftsleistung beitragen. Von Vorteil sei auch der hohe Anteil kleiner Unternehmen. Diese würden sich gerade in Krisenzeiten stabilisierend auswirken.

3Das Hotel gehört der Bank. Mit der Finanzlage im Tourismus steht es nicht zum Besten. Hintringer ortet in der heimischen Hotellerie einen „zu hohen Verschuldungsgrad“. Das Eigenkapital und die Bonität in der Gästebranche hätten sich aber verbessert und es knapp in den „grünen Bereich“ geschafft.

4Typische Tiroler Pleite. Sie sieht nach den Daten der Kreditschützer so aus: Kleinunternehmen, fünf Mitarbeiter, 500.000 Euro Verbindlichkeiten. 65 Prozent der Pleiten betreffen Dienstleister, Reinigungsfirmen, Gastronomie und das Baunebengewerbe. Jedes dritte Pleite-Unternehmen entschuldet sich durch einen Sanierungsplan. Die Gläubiger erhalten in diesen Fällen im Schnitt 17 Prozent ihrer Forderungen. Ohne Sanierungsplan sind es nur 11 Prozent der Forderungen.

5Die Lehren aus der Krise. Hintringer attestiert Tirols Firmen große Anstrengungen, verstärkt eigenes Kapital aufzubauen – um für Krisen gewappnet zu sein.

6Niedrigzinsen. Sie sind aktuell der beste Freund vieler Unternehmer, nicht nur in Tirol. Die extrem niedrigen Kreditzinsen machen es deutlich leichter, Schulden abzubauen. Hintringer geht davon aus, dass der Druck auf hoch verschuldete Betriebe mit dem Ende des billigen Geldes wieder sprunghaft ansteigt.


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