Kinderspiele im Chaos

Wie unbeschwert kann eine Kindheit in einem Kriegsgebiet sein? Wenn man manchen Fotos aus Syrien glauben mag, können die Mädchen bei Gummitwist und die Burschen beim Tischfußball abschalten. Doch andere laufen auch mit Plastikwaffen durch die Straßen und eifern zweifelhaften Vorbildern nach.

Teddybär, Teddybär, dreh dich um, mach dich krumm, Teddybär, Teddybär mach dich klein, Teddybär hüpf auf einem Bein.“ Die einen spielten mit einem Reim wie diesem, andere klatschten schlicht rhythmisch dazu. Das Prinzip beim Gummitwist ist immer das gleiche: Wer einen Fehler macht, ist raus. In unseren Erinnerungen hüpfen Mädchen an sonnigen Tagen im Schulhof und lachen dabei. Das Bild rechts zeigt auch lachende Mädchen. Aber nicht in einer geborgenen Umgebung. Schutt liegt am Boden, ein Gitter verschließt den Zugang zu einem heruntergekommenen Haus und die Wand ist übersät mit Einschusslöchern von Maschinengewehrsalven. Willkommen im Krieg.

Dieses Foto wurde Anfang Oktober in Ghouta, einem östlichen Vorort der syrischen Hauptstadt Damaskus, aufgenommen. Die Kinder darauf spielen, sie lachen, die Kleinste wartet im Hintergrund nur darauf, dass die Große mit ihrem langen Zopf endlich einen Fehler begeht. Auf ihren Gesichtern lässt sich nicht ablesen, ob oder wie sie durch den Bürgerkrieg in ihrer Heimat betroffen sind. Sie konzentrieren sich auf den Augenblick. Und der heißt für sie ein paar Minuten Entspannung mit Gummitwist.

In der westlichen Welt entdecken Fitnesscenter das Geschicklichkeitsspiel wieder neu. Die Kinder bei uns vergessen jedoch mittlerweile mehr und mehr auf die alten Schulhofspiele und greifen in den Pausen lieber zum eigenen Handy, um sich mit einer Geschicklichkeitsspiele-App die Zeit zu vertreiben.

In den Straßen von Damaskus wird Gummitwist gespielt, Yousef Albostany fotografiert die Mädchen dabei. Morgen wird der Reuters-Fotograf 22 Jahre alt, doch die Bilder, die er dort gesehen und selbst geschossen hat, übersteigen wohl die Vorstellungskraft eines „normalen“ 22-Jährigen. Die Agenturen wimmeln derzeit nur so von Fotos aus Syrien. Dabei wird versucht, in der restlichen Welt Stimmung für eine der Seite zu machen. Die regimetreuen Soldaten gibt es meist nur in Kampfhandlungen zu sehen, fotografiert aus „sicherer“ Entfernung. Ganz anders die Rebellen. Sie liegen in lässiger Pose auf einer Couch. Sie halten triumphierend ihr Gewehr in die Höhe, oft mit einem Fokus auf das Gesicht. Die Rebellen werden personalisiert. Sie sitzen in Gefechtspausen zusammen mit Kindern auf einem Karussell oder spielen lachend mit ihnen Tischfußball. Trotzdem, zweifelhafte Vorbilder. Auf anderen Bildern halten nämlich junge Burschen, kaum zehn Jahre alt, Waffen in den Händen und laufen durch die Straßen – sie spielen Krieg. Inmitten des Krieges.

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Wer sich diese Burschen mit ihren Plastikwaffen vorstellt und diese vier Mädchen beim Spielen betrachtet, dem fällt womöglich ein Spruch ein, der vor wenigen Tagen auf Facebook die Runde gemacht hat. Kein Reim, viel eher ein Spruch zwischen Sarkasmus und Sexismus: „Wenn Frauen die Welt regieren würden, gäbe es keine Kriege. Nur ein paar eifersüchtige Länder, welche nicht miteinander reden.“ (chris)


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