Das Dorado für Leser

Auch im Internet- und E-Book-Zeitalter haben Bücher ihren Reiz nicht verloren: Wie sonst ließe es sich erklären, dass 276.000 Lesebegeisterte aus aller Welt zur Buchmesse nach Frankfurt reisten? Unter ihnen auch einige Tiroler.

Von Judith Sam

Zehn Hallen, 600.000 Quadratmeter Grundfläche, Tausende Ausstellungsstücke – ein eigenes Navi für das Frankfurter Messeareal zu erstellen, wäre nicht vermessen. Denn hat man keinen genauen Plan, wohin man will, wird man leicht vom Strom der Besucher mitgerissen. „Der erste Tag auf der Buchmesse war für mich schon notwendig, um mich grob zu orientieren. Von konkreter Buchsuche ganz zu schweigen“, sagt Ulrike Lorenz, Filialleiterin der Tyrolia Reutte. Sie reckt den Kopf, um eines der Orientierungsschilder an der Decke zu erspähen: „Ich glaube, ich brauche einen Kompass, um die Kinderbücher zu finden.“

Zusammen mit 78 lesebegeisterten Tirolern nahm sie vergangenes Wochenende an einer Lesereise der Buchhandlung Tyrolia nach Frankfurt teil: „Schon die französische Schriftstellerin Marguerite Duras meinte, ein gutes Buch zu lesen, sei wie das Erforschen eines Universums. Dieser Meinung bin ich auch – anders lässt es sich nämlich schwer rechtfertigen, wieso ich mehr als 400 Kilometer von Weißenbach nach Frankfurt zurücklege, nur um Bücher zu sehen.“ Alle Exemplare, die hier präsentiert werden, könnte sie sich auch bequem ins Geschäft liefern lassen: „Es geht mir um das Flair und die opulente Show. Wo sonst werden diese wunderbaren Werke heute noch so in Szene gesetzt?“

Doch nicht nur die Zahl der ausgestellten Bücher lockte mehr als 276.000 Besucher in die deutsche „Bankenhauptstadt“. Laut Dorette Peters, die die Leitung der Organisation der Verlagsgruppe Random House innehat, ist die Frankfurter Buchmesse die weltweit größte und wichtigste: „Hier werden von internationalen Händlern die Bücher gekauft, die im kommenden Jahr angeboten werden. Da gilt es auszusieben, denn jedes Jahr erscheinen 90.000 neue Titel allein in Deutschland.“

Kein Wunder, dass die Händler schon Monate im Voraus am Computer Simulationen anstellen, wie Autoren und deren Werke am besten in Szene gesetzt werden: „Keines dieser Tausenden Bücher steht zufällig an seinem Platz. Es ist alles eine Frage der Strategie und Psychologie.“ Schließlich muss sich der Aufwand lohnen: „Alleine für den Verlag Randomhouse sind 400 Mitarbeiter angereist, die auf 1000 Quadratmetern die Bücher ausstellen, die von Scheinwerfern im Wert von 14.000 Euro ins rechte Licht gerückt werden.“

Doch die Ausgaben scheinen ihre Wirkung nicht zu verfehlen: Der Innsbrucker Klemens Pitterl, der ebenso wie Lorenz das Lesereise-Angebot nutzte, ist begeistert: „Hier findet man unzählige neue Lese-Impulse. Ich wurde auf Bücher aufmerksam, die mir sonst nie aufgefallen wären.“ Um den Messe-Trip jedoch rundum genießen zu können, rät er, das Hotel früh genug zu buchen: „Denn unser Angebot wurde knapp ein Jahr zuvor gebucht – wir haben für den Bustransfer, zwei Nächte im Hotel und die Messetickets knapp 300 Euro bezahlt.“ Wenige Tage vor der Messe habe ein Einzelzimmer laut Internet 700 Euro gekostet. Dass die Zimmer trotzdem ausgebucht waren, überrascht Peters nicht: „Die Frankfurter Messen sind seit dem Jahr 1500 – als hier die erste Herbstmesse stattfand – ein Menschenmagnet.“ Schon damals habe der Anteil der Buchhändler zwölf Prozent betragen. Der größte Unterschied zu heute liege wohl im Preis der Bücher: Damals kostete eine Bibel eineinhalb Gulden – das war etwa das Jahresgehalt einer Magd.

„Zum Glück ist das heute nicht mehr der Fall“, lacht Lorenz. Sonst hätte es wenig Sinn, dass sie sich auf der Messe nach den Lese-Weihnachtstrends umsieht: „Einen Trendsetter wie die ,Shades of Grey‘-Trilogie im letzten Jahr habe ich in Frankfurt nicht entdeckt. Aber allen, die noch Lese-Ideen suchen, empfehle ich ,Ein ganzes halbes Jahr‘ von Jojo Mayes.“


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